Main Data
Author: Callan Wink
Title: Big Sky Country
Publisher: Suhrkamp
ISBN/ISSN: 9783518767894
Edition: 1
Price: CHF 14.00
Publication date: 01/01/2021
Content
Category: Contemporary literature (from 1945)
Language: German
Technical Data
Pages: 378
Copy protection: Wasserzeichen
Devices: PC/MAC/eReader/Tablet
Formate: ePUB
Table of contents

Als Sohn eines Farmers hat August früh erfahren, was stilles Glück bedeutet. Bei der Arbeit kommt er zu sich. Kühe melken, Heu machen, die Geräte im Schuppen reparieren. Doch seine Mutter wünscht sich schon lange etwas anderes, nicht nur für ihn, und er muss nach der Scheidung mit nach Montana: ein neues Leben, falsche Freunde, eine Frau, die plötzlich erreichbar scheint - und mittendrin August der in den Weiten und Träumen und Widersprüchen dieses grenzenlosen Landes verloren zu gehen droht.

Ein Bildungsroman von atemberaubender Schönheit und Klarheit. Ein Roman, der danach fragt, welchen Abdruck Landschaften hinterlassen, wie aus Söhnen Männer werden und wonach es sich im Leben zu richten gilt.



<p>Callan Wink, geboren 1984, arbeitetseit seinem neunzehnten Lebensjahr als Fly Fishing Guide auf dem Yellowstone River in Montana. Seine unverlangt eingesandte Erzählung<em>Hund Lauf Mond</em> wurde im New Yorker abgedruckt und machte ihn schlagartig bekannt.<em>Der letzte beste Ort</em>, sein Erzählungsband und internationales Debüt, erschien 2016.</p>
Table of contents

I


Augusts erste Erinnerung, auf die er richtig zugreifen konnte, drehte sich um die Scheune. Er sitzt bei seinem Vater auf den Schultern, und als sie den Hang hinter dem Haus herunterkommen, sieht er das Gebäude vor sich, das Spitzdach und die langen, niedrigen Anbauten, alles in verblasstem Rot mit weißen Tür- und Fensterrahmen. An der Tür duckt sein Vater sich, damit August sich nicht stößt, die Milchpumpe grummelt dumpf vor sich hin, die Kühe kauen in ihren Ständen. Er war vielleicht fünf, sechs, eigentlich zu alt, um auf den Schultern getragen zu werden, und er wollte es auch nicht. Bei der ersten Gelegenheit wand er sich runter und kletterte hoch auf den Heuboden. Die Sprossen der Leiter waren fast zu weit auseinander, aber sein Vater passte hinter ihm auf, falls er abrutschte.

Auf dem staubigen, dunklen, warmen Heuboden brach sein Vater zwei Ballen auf, in deren loses Heu er August immer wieder warf, als sie dann kämpften, was August fast mehr liebte als alles andere. Nach einiger Zeit stiegen sie wieder die Leiter hinunter, und Augusts Vater löste und desinfizierte die Melkbecher, während August die Runde machte und jeder der Holsteinkühe die Schnauze streichelte. Nach dem Melken half August seinem Vater, die Zitzen einiger Kühe in Jodlösung zu tauchen, bis August den Dip-Becher fallen ließ und sein Vater ihn mit einem frisch aus dem Kühltank befüllten Einmachglas in die Milchkammer setzte, während er die Arbeit allein beendete. Es war sämige, schwere Rohmilch, so kalt, dass das Glas beschlug. Es roch nach Kühen und Stroh. Die Milchkammer war weiß getüncht, in den alten Querbalken hingen Spinnweben, der Edelstahltank schimmerte blitzsauber. August hielt das Einmachglas beim Trinken mit beiden Händen, und die Milch lief ihm am Kinn herunter.

Irgendwann kam sein Vater wieder und hob ihn hoch. Die Kühe waren jetzt auf der Weide und der Stall verstummt. August ließ sich ohne Protest auf den Schultern zurück zum Haus tragen, denn er war jetzt müde. Mit einer blassgrauen Rauchwolke über dem Kopf saß seine Mutter am Küchentisch. Um sie herum lagen Bücher verstreut, sie hatte ihre Brille auf und machte sich Notizen. Als er ihr auf den Schoß kletterte, rümpfte sie die Nase und zog die Blätter unter seiner dreckigen Hand weg. Von nebenan hörte man, wie der Fernseher anging und sein Vater sich ein Bier aufmachte.

Sie schlug die Bücher zu und steckte sie in ihren Rucksack. »Dann ist die Lernzeit jetzt wohl vorbei«, sagte sie. »Na vielen Dank, Dad. Und du kommst jetzt lieber mal in die Wanne.«

August war zwölf und die Scheune war voller Katzen. Ein Wurf warf den nächsten – manche der Tiere waren dürr und kränklich, weil das immer gleiche Blut zu oft vermischt worden war.

»Die Scheißviecher müssen weg«, sagte Augusts Vater. »Auf dem Heuboden stinkt’s nach Pisse. Nimm dir einen Montierhebel oder eine Schaufel oder was du willst. Du quengelst doch immer nach Taschengeld. Ich gebe dir einen Dollar pro Schwanz. Du hast doch dein Taschenmesser? Ist es schön scharf? Also, du nimmst die Schwänze und nagelst sie an ein Brett, und nach ein paar Tagen rechnen wir ab. Kleine sind genauso viel wert wie große, ganz egal.«

Die Katzen – dreifarbige, getigerte, weißgraue, graue, schwarze, rote – saßen zwischen den Heuballen, kratzten sich und gähnten wie träge Affen in alten Tempelruinen. August hatte zwar noch nie eine Katze getötet, aber wie den meisten Farmjungs war ihm die Tierquälerei nicht fremd. Katzen als Spezies hatten immer etwas Wildes an sich behalten und waren deshalb nicht denselben Haltungsregeln unterworfen wie Pferde, Kühe und Hunde. August nahm an, dass die Katzen irgendwann eine Abmachung eingegangen waren – sie wussten, dass sie den Stiefel spüren würden, wenn sie einem Menschen in die Quere kamen, dafür behielten sie ihre Freiheit, und man erwartete nicht viel von ihnen.

Einen Dollar pro Stück. August stellte sich die abgeschnittenen Schwänze gepresst und getrocknet als Zahlungsmittel in der Kasse irgendeiner außerirdischen Bank vor. Mindestens fünfzig Dollar, vielleicht fünfundsiebzig oder sogar hundert, wenn er die ganz frischen Würfe fand.

Er ging in die Maschinenhalle, um sich eine Waffe zu suchen. Ein riesiger Bau, groß genug für einen Dieselmähdrescher, ein Stahlstangen-Gerippe mit einer Haut aus Wellblech. August war gerne dort drinnen, wenn es regnete. Dann kam er sich vor wie ein kleines Tier im Inneren eines Schlaginstruments: Die dicken Regentropfen hämmerten einen endlosen Trommelwirbel auf das Blech, der gelegentlich vom Becken-Krachen der Blitze und dem hohlen Wummern der Weite unterbrochen wurde.

In der Halle stand eine lange Werkbank voller verschlungener Maschineneingeweide. Kompressorschlauchspulen, Hydraulikarme, aus denen zähe Flüssigkeit leckte, kompakte, schwere Batterien, Pressengarn, das das wilde Chaos wie Gelenkband zusammenhielt, Kugelkopfkupplungen, Einmachgläser voller rostiger Bolzen, Muttern und Schrauben, ein mittelalterlich anmutender Schweißhelm, und zwischen all den Trümmern lagen wie platte Vögel verstreut dreckige Lederhandschuhe in verschiedenen Verwesungsgraden. August hob eine kurze, rostige Forstkette mit schweren Gliedern auf, schwang sie ein paarmal probeweise durch die Luft und legte sie wieder ab. Er zog zwei zu weite Handschuhe an und nahm sich ein säbelgroßes Mähermesser, mit dem er langsame Muster in die Luft schnitt, bevor er es ebenso ablegte. Dann fand er einen knapp einen Meter langen Hakenschlüssel, der einen schlanken Edelstahlgriff und am Ende einen tödlich schimmernden Halbmondkopf hatte. Mit dem schlug er sich ein paarmal in den Handschuh und hörte es satt klatschen. Er übte Schwungtechniken – den seitlichen Golf-Durchschwung, den rückgratbrechenden Überkopf-Axthieb, den kurzen, schnellen Baseball-Schlag –, und der Schlüsselkopf trieb schroffe Dellen in den gestampften Lehmboden. August kam etwas ins Schwitzen, schulterte schließlich seine Waffe, steckte sich die Handschuhe in die Gesäßtasche und ging dann seine Mutter besuchen.

Das alte Haus grenzte hinten an einen niedrigen, felsigen Hügel. Das ganze Jahr über tröpfelte eine Quelle aus dem Gestein, und die Nässe füllte das Haus mit dem Geruch feuchter Blätter und heraufziehenden Regens. Es war eine eingeschossige Ranch, die die Großeltern von Augusts Mutter eigenhändig gebaut und in der sie bis zu ihrem Tod gelebt hatten. Das alte Haus sah zu dem neuen Haus auf, das Augusts Vater ein Jahr nach Augusts Geburt fertiggestellt hatte. Das neue Haus war hoch und pseudoviktorianisch mit weißen Fensterläden und Rundumveranda. Die Eltern seiner Mutter waren gestorben, als er noch klein war, und er konnte sich nicht an sie erinnern. Nach deren Tod hatte sein Vater seine Mutter dazu überredet, das Ferienhaus am Torch Lake zu verkaufen. Von dem Geld hatte er das neue Haus gebaut und achtzig Holsteinkühe gekauft.

»Es ist ganz seins, glaubt er«, hatte Augusts Mutter ihm einmal beim Rauchen in der Küche des neuen Hauses erzählt. »Seine Leute hatten nicht viel. Alles, was wir besaßen, kam von meiner Seite. Das macht ihm zu schaffen, auch wenn er es nie im Leben zugeben würde.« An der Stelle hatte sie damals gehustet. »Es ist zu groß. Das habe ich von Anfang an gesagt. Außerdem schlecht zu heizen so hoch auf dem Hügel, wo der Wind überall reinpfeift. Mein Vater und mein Großvater hätten so etwas nie gemacht. Sie haben vernünftige Häuser für ihre Familien gebaut, solche Männer waren sie eben.«

August klopfte ein paarmal mit dem Hakenschlüssel an die Tür und ging hinein. Das alte Haus war von Leuten gebaut worden, die weniger an Landschaft als an Effizienz interessiert waren, und die wenigen Fenster waren klein. In die Küche fiel nur durch das Fenster über der Spüle ein einzelner Lichtstrahl. Es roch nach gebratenem Speck, und das Radio lief. Paul Harvey schwärmte vom Select Comfort Sleep Number Bed.In meinem Alter schätze ich nichts so sehr wie einen erholsamen Schlaf. Kaufen Sie diese Matratze. Sie wurde von einem Wissenschaftlerteam entworfen. Sie ist bis ins Kleinste anpassbar. Ihre Träume werden es Ihnen danken.

»Augie, mein lieber Sohn, wie ist das werte Befinden?«

Seine Mutter legte am Küchentisch Patiencen. Neben dem Aschenbecher stand eine Pfanne mit dünn geschnittenen Bratkartoffeln mit Speck und Zwiebeln. Sie rauchte Swisher-Sweet-Zigarillos, ...

 
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