: Matthias Biskupek
: Die Abenteuer der andern Geschichten
: EDITION digital
: 9783965214781
: 1
: CHF 5.60
:
: Humor, Satire, Kabarett
: German
: 93
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: PDF
Ein Entertainer im Urlaub; er kann es nicht lassen, er plaudert und plaudert. Am Ende hat er sich um alles geredet, was ihm wert und teuer war. - Die Souffleuse eines Kleinstadttheaters gibt Auskunft über ihr Leben. In krampfhafter Ehrlichkeit beschwört sie eine Scheinwelt. Matthias Biskupek führt seine Helden in alltäglichen Situationen vor; er konfrontiert sie mit sich selbst und lässt den Leser erleben, dass dies wenig Wirkung zeitigt: Sie erkennen sich nicht. In zwanzig kurzen Geschichten bringt der Autor - mit abgeschliffenen Versatzstücken unserer Sprache spielend - Zuspitzungen und Ungereimtheiten der Gegenwart ins Blickfeld. Schonungslos und eindringlich beschreibt er Oberflächlichkeit und Unredlichkeit in den Beziehungen, die Unfähigkeit zu handeln, zu erleben und zu vertrauen.

Matthias Biskupek war am 22. Oktober 1950 in Chemnitz geboren worden und wuchs mit zwei Brüdern und einer Schwester in der sächsischen Kleinstadt Mittweida auf. Sein Vater war Lehrer, seine Mutter war Angestellte. Nach Schulbesuch und Abitur mit gleichzeitiger Lehre als Maschinenbauer studierte Biskupek an der Technischen Hochschule Magdeburg technische Kybernetik und Prozessmesstechnik. Von 1973 bis 1976 war er als Systemanalytiker und zeitweise auch als Maschinenfahrer im Chemiefaserkombinat Schwarza bei Rudolstadt tätig. Nachdem er bereits während seiner Schul- und Studienzeit verschiedene literarische Zirkel besucht und mehrfach am Schweriner Poetenseminar teilgenommen hatte, in den achtziger Jahren auch als Seminarleiter, arbeitete er seit 1976 am Theater Rudolstadt, zunächst als Regieassistent, später als Dramaturg, zeitweilig auch als Bühnentechniker, Programmheftzeichner, Inspizient und Kleindarsteller. In den Jahren 1981/82 absolvierte er einen Sonderkurs am Leipziger Literaturinstitut. Seit 1983 lebte er freischaffend in Rudolstadt. 1993 war er Kreisschreiber in Neunkirchen/Saar. 1997 bekam er ein Aufenthaltsstipendium für das Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf, 2000 das Casa-Baldi-Stipendium der Deutschen Akademie Rom in Olevano Romano. 2016 wurde Biskupek mit dem Walter-Bauer-Preis ausgezeichnet. Zu seinen vielfältigen literarischen Arbeiten gehörten Romane, Geschichten, Kabaretttexte, Feuilletons und Features für den Rundfunk sowie in den 1980er Jahren auch Treatments für die DEFA, die jedoch nie zu Filmen wurden. Von 1985 bis zu dessen Auflösung war er Mitglied des Schriftstellerverbandes der DDR, 1990 der letzte Vorsitzende des Bezirksverbandes Gera, 1992/93 VS-Vorsitzender in Thüringen. Er ist am 11. April 1921 in Rudolstadt verstorben.
Nachbarin Hümpe will fremdgehn Nachbarin Hümpe hat einen Kosmetiktermin. Während sie ihn wahrnimmt, beschließt sie, dass alles gar nicht so ist. Aber ja doch: Nein. Vor dem Spiegel lüpft sie kurzzeitig zwei Falten aus dem Gesicht und sagt sich, dass kein Frühling ist, nein, und dass nichts eine so widerwärtige Unsitte sei, wie jene, Faschingsgelüsten freien Lauf zu lassen. Die schwarze Farbe ist diesmal offensichtlich nicht zu pampig aufs Haar aufgebracht worden, denn Nachbar Hümpe blickt hausväterlich zusammengenommen an Nachbarin Hümpe vorbei und spricht: Ich muss, Mutti. Dann zieht er die Glanzledermappe unter die Schulter und begibt sich zum Staatsdienst. Nachbarin Hümpe seufzt; seufzt auf Arbeit und Kollegin Mosseldorf bekommt alles aus Nachbarin Hümpe heraus. Alles. Mensch Roselore, sagt sie zu Nachbarin Hümpe. Die zuckt beim Klang ihres Vornamens zusammen und denkt das Wort: bittersüß. Mensch, Roselore, juchzt Kollegin Mosseldorf, wir lassen das Schwein pfeifen und die Sau raus aus dem alten Adam wie die ersten Menschen, wie wird uns denn da. Ach Ramona, sagt Nachbarin Hümpe, ich will doch gar nicht und macht mit den Lippen einen Strich drunter. Es wird Rabatz gemacht, beschließt Kollegin Mosseldorf, schaltet und waltet, macht Pläne, macht Tralala und Tüdelülü und telefoniert, telefoniert, telefoniert. Als Nachbar Hümpe geschafft von Telefonaten und uneinsichtigen Bürgern aus dem Staatsdienst kommt, sagt er: Tag, Mutti, setzt sich vor das zweite Programm und lauscht nebenher wie nebenbei, was Nachbarin Hümpe in der Küche für Geräusche macht. Nachbar Hümpe ist, wie wir wissen, Amtsinhaber und kann, wie Cäsar, mehrere Dinge zugleich tun. Ach, heute im Betrieb, die Kollegin Mosseldorf, sagt Nachbarin Hümpe und Nachbar Hümpe sagt: Ja? Dann tut er so, als höre er nicht hin. Das ist eine, sagt Nachbarin Hümpe, und dann seufzt sie erneut und Nachbar Hümpe beschließt, nicht noch einmal ein Ja? anzudeuten. Im zweiten Programm seufzt das Bett und dann kommen die Probleme im Näheren Osten und Nachbar Hümpe schaltet um auf die Erfolge der Führungsbahnschleifer. Falls Fragen kommen sollten, muss man ja informiert gewesen sein. Und glaubhaft versichern können. Nachbar Hümpe beobachtet, wie Nachbarin Hümpe sich vor dem Einschlafen hin und her wälzt und so kann Nachbar Hümpe beruhigt und kerzengerade einschlafen. Anderntags sieht alles zuerst anders aus. Kollegin Mosseldorf ist außer Haus und Nachbarin Hümpe bläst in ihren Kaffee hinein Trübsal. Doch am Nachmittag dann bricht Ramona in Roselores Arbeitsalltag hinein: Ich hab alles besorgt. Heute Nacht. Du gehst als Spanierin; wir richten dir was her. Wo denn, wie denn, was, ich kann doch meinem Mann ... Du rufst ihn an, sagst, dass du Termin bei der Kammer der Technik hast. Kammer der Technik, sagste. Die machen nämlich aufm Rosensaal heute ihren Fasching. Rosensaal sagste nicht. Carmen, wie haste Dir verändert, ist das Motto. Für dich hab ich noch eine Capa und das verzieren wir mit Bueno-Tüchern und dann lassen wir dich aufn Rosensaal los und dein Oller wird von nichts keine Ahnung haben. Nachbarin Hümpe, arg bedrängt von Kollegin Mosseldorf, ruft Nachbar Hümpe im Dienst an: Du weißt doch, dass du mich nicht im Dienst anrufen sollst, sagt Nachbar Hümpe, ich hab hier grad einen Problemfall. Es ist nur, murmelt Nachbarin Hümpe, weil ich heute Abend erst spät, wegen der Kammer der Technik, die Veränderungsweisen, das ist so im Termin ... Nachbar Hümpe sagt: Aha! am Telefon, mit zwei ganz kleinen A-s. Es klingt wie: Ühü. Wir klären das heute Abend, sagt Nachbar Hümpe, ein Problemfall wartet, und legt auf. Ramona schleppt Roselore zur Kantine, wo es eigentlich keinen Alkohol zu kaufen gibt Dann ziehen sie noch ohne Gesang in Ramonas Küche. Das ist nämlich die mit dem Blaudruck. Nachbarin Hümpe vergisst, dass sie eigentlich sauer werden müsste, denn das mit dem Blaudruck kann gar nicht mit rechten Dingen zugegangen sein. Ramona ist heute ausgelassen, weil ihr Oller bei der Armee ist und die Kinder eigene Wege gehen. Sie bastelt vorsichtig an der Brust von Nachbarin Hümpe herum und bindet sich selbst einen chicen Sterz. Zwischendurch nascht sie noch einen. Dann kommt endlich der Rosensaal dran. Der ganze Rosensaal soll es sein. Carmen, wie haste dir verändert. Heute Nacht oder nie. Alles hat ein Ende nur die Wurst hat zwei. Kaadehtee-Heelau. Dreierlei-Balsam heißt das Bargetränk. Heiß ist es im Tittensee. Roselore macht sich Stimmung. Also wirklich, mal ganz nüchtern, wirklich nette Männer am Tisch. Der eine, nette, der unermüdlich tanzt, heißt Hans-Dieter. Der andere heißt Elvira, weil er nämlich verkleidet ist. Ramona hat einen Jugendfreund beim Wickel und wickelt ihn auf der Tanzfläche mal so rum und mal so rum. Roselore fragt, ob sie Hans oder Dieter sagen soll. Ramona quatscht dazwischen, dass sie sich endlich entscheiden könnte. Der Herr Elvira hat schöne dunkle Augen. Als Roselore ihn bei der Polonaise befasst, hat er auf einmal wunderbare Schultern, so sehnig. Hans-Dieter greift erneut nach Roselore, schwenkt sie so durch, dass Herrn Elviras sehnige Schultern irgendwo verschwimmen. Hans-Dieter hat auch eine Hose, wie Roselore merkt, aber sie weiß nicht, ob es guter Stoff ist. Jedenfalls legt der Jugendfreund von Ramona Hand an Roselore, genauer gesagt, an die Brust. Aber an der ist ja ordentlich herumgebastelt worden von Ramona. Ich bin heut mein eigener Herr, sagt Roselore und geht zu Herrn Elvira. Der muss irgendwie aufs Klo und Roselore zieht hinterdrein. Vor dem Klo steht irgendwie Hans-Dieter, ruft: Olé, und dann ziehen sie alle los: Ramona, Roselore und Hans-Dieter und Elvira und Pitty und Calypso, oder wie die Type heißt. Die Type hat irgendwie eine Bude. Die Bude ist irgendwie weitläufig und welche gehen ins Bad oder vielleicht in die Küche. Roselore lässt sich auf eine Couch fallen, streckt die Arme zur Zimmerdecke und quietscht: Ich kann gegen die Luft fahrradfahren. Auf einem Stuhl neben der Couch sitzt geruhsam Herr Elvira und guckt eine Spur verächtlich in Richtung Rad fahrender Roselore. Nebenan geht die Party richtig los. Roselore dreht sich auf ihrer Couch herum, die gebastelte Brust verrutscht und Roselore heult ins Kissen. Herr Elvira streift die Asche endgültig von der Zigarette und geht hinüber zu Dieter. Ramona, also Kollegin Mosseldorf, muss dringend telefonieren. Sie sagt ins Telefon: Es ist eigentlich bisher alles ganz gut gelaufen. Einzelheiten später. Nachbar Hümpe dankt für die Information und vermutet, dass sie nun bald auftauchen wird. Sie kommt wirklich bald und riecht nach Schnaps. Sie kommt und guckt an Nachbar Hümpe vorbei. Nachbar Hümpe schaut Nachbarin Hümpe auf die rechte Brust und sagt: Na, Mutti, du riechst aber nach Schnaps. Habt wohl noch gefeiert? Na, wir sind eben alle keine Kinder von Traurigkeit. Nachbarin Hümpe fühlt sich entsetzlich elend. Sie sagt: Mir ist nicht so gut. Jaja, sagt Nachbar Hümpe, das ist nun mal so. Dann schläft er beruhigt und kerzengerade ein, während Nachbarin Hümpe im Bad noch ein bisschen vor sich hin kotzt. In den nächsten Tagen bringt Nachbar Hümpe zuweilen das Gespräch auf Feten und Fasching, wenn er vom anstrengenden Staatsdienst heimkehrt. Mal lässt er ein freundliches, mal ein sehr freundliches Wort fallen. Nicht wahr, Mutti, setzt er hinzu, und wenn Nachbarin Hümpe dazu nichts sagt, registriert er das. Und wenn sie irgendwas sagt - oder vielleicht sogar losschreit - dann sagt Nachbar Hümpe: Ach, Mutti, ich mach mir eben manchmal dumme falsche Gedanken - und dann macht er sich ganz verschwiegen seine säuberlichen Notizen.