Kapitel 1
Die Kultivation war in ihrem Kern die Missachtung der Himmel.
Dies war der erste Gedanke, mit dem Wu Ying erwachte.
Der zweite war der an den Schmerz.
Schmerz war inzwischen eine konstante und andauernde Facette seines Lebens, eine ständige Pein, die seinen gesamten Körper umfasste. Innerhalb der letzten paar Wochen hatte er eine neue Wertschätzung für die verschiedenen Formen, in denen sich Leid manifestieren konnte, gewonnen.
Das langsame Pochen eines gerissenen Bandes, der dumpfe Schmerz von müden und überstrapazierten Muskeln, die stechenden, scharfen Stiche in Nerven und wundgeriebener Haut. Die explosiven Stöße, die aus Bewegungen mit gebrochenen Knochen und geprellten Organen resultierten. Er kannte sie alle, hatte vor langer Zeit mit solchen qualvollen Leiden Freundschaft geschlossen und sie zu engen Verbündeten gemacht.
Nichts tat so sehr weh wie die Wunde, die bis in die Seele reichte und die widersprüchlichen Daos des Körpers und der Seele in ihm erweckt hatten.
Diese Qualen konnten nicht in Worte gefasst werden, obwohl sie alle anderen in den Schatten stellten.
Das war wenig überraschend, denn dies waren die Qualen eines gebrochenen Wesens, einer Unstimmigkeit zwischen Seele und Körper. Die Verschmelzung der unsterblichen Seele und des unsterblichen Körpers war gescheitert und Wu Ying war sowohl durch Willenskraft als auch alchemistische Pillen zusammengeflickt worden.
In seinem Dantian befanden sich die Splitter seines Kerns, der inmitten der Befreiung seiner unsterblichen Seele zerbrochen war. Zu gegebener Zeit hätten diese Splitter absorbiert und die Überreste als Treibstoff für die Verschmelzung verwendet werden sollen.
Stattdessen verblieben sie in seinem Inneren und waren wie seine Kultivation zerbrochen.
Wu Ying, der auf dem Rücken in dem Zimmer lag, das für ihn im obersten Stockwerk des Gasthauses der Platin-Weisen freigemacht worden war, betrachtete die Sonne des späten Morgens, die durch das geöffnete Fenster hereinschien. Einem Teil von ihm fiel auf, dass sie ihm wieder einmal die Rast ermöglichten – trotz seiner eigenen Proteste.
Vogelgesang drang durch das Fenster herein und vermischte sich mit den entfernten Stimmen, die sich in Unterhaltungen und Gesängen erhoben, denn das Gasthaus lag nicht weit von dem Tempel, den es versorgte, und der Handelsstraße entfernt. Es befand sich nicht direkt an der Straße, obwohl das für den Handel am meisten Sinn ergeben hätte. Andererseits waren die Kunden, die das Gasthaus besuchten, keine unbekümmerten Passanten.
Vielmehr war das Klientel des Gasthauses so erlesen, dass ein anderes Gasthaus gegenüber des ersten erbaut worden war, um die abgewiesene Kundschaft des wählerischen Paars von Kultivatoren der Aufkeimenden Seele, die dieses Gebäude unterhielten, aufzunehmen. Denn selbst Kunden, die es wagten, hier zu handeln, waren mitunter nicht mutig genug, um eine Übernachtung in solch einem Gebäude zu wagen. Der stumme Druck, den zwei derartige Kultivatoren durch ihre bloße Existenz ausübten, konnte selbst die unerschütterlichsten Herzen verzagen lassen.
Oder diese Auren wandten sich Wu Yings Leiden zu und