Im Netz der Domina
Reva folgte Nira durch die langen Korridore von Haus Astra. Die Wände waren hier mit einem warmen, fast schimmernden Material verkleidet, nicht wie bei Haus Varus aus kaltem Metall. Sensoren registrierten ihre Bewegungen, passten die Beleuchtung dezent an. Nichts hier wirkte bedrohlich. Und genau das machte Reva misstrauisch.
Nira blieb vor einer breiten Doppeltür stehen und berührte sanft ein Kontrollpanel. »Domina Selira erwartet Euch bereits«, flüsterte sie, immer noch mit dieser Mischung aus Ehrfurcht und Scheu in der Stimme.
Die Türen glitten lautlos auf. Reva trat ein und blieb unwillkürlich stehen.
Der Raum war ein Traum aus Licht und Glas. Eine ganze Wand bestand aus einem riesigen Panoramafenster, das einen atemberaubenden Blick auf die Stadt bot. In der Ferne, deutlich erkennbar, ragte die Arena in den Morgenhimmel. Jener Ort, an dem ihr Leben zerbrochen war. Die Perspektive von hier oben war noch viel besser als in ihrem eigenen Quartier. Das Sonnenlicht flutete den Raum, brach sich in kunstvollen Kristallstrukturen, die von der Decke hingen, und warf Regenbogenmuster auf den polierten Boden.
Der Tisch aus hellem Holz im Herzen des Zimmers war mit Speisen beladen. Und dort, am Kopfende des Tisches, saß Selira Astra. Ihr platinblondes Haar war streng zurückgebunden, betonte die scharfen Konturen ihres Gesichts. Ihre Augen, dieses unnatürliche Violettgrau, fixierten Reva mit einer Intensität, die fast physisch spürbar war. Sie trug ein violett-silbernes Gewand, das sowohl elegant als auch funktional wirkte.
»Reva«, sagte Selira mit melodischer Stimme. »Willkommen.« Sie deutete auf den Stuhl ihr gegenüber. »Bitte, setz dich. Iss. Du musst hungrig sein.«
Reva trat näher, spürte, wie ihre Hände leicht zitterten. Die unterdrückte Wut und die Trauer, die sie seit Kaels Tod empfand, brodelten in ihr. Sie zwang sich, den Stuhl zu nehmen, den Selira angeboten hatte, aber sie machte keine Anstalten zu essen.
»Ich hoffe, deine Unterkunft ist angemessen«, fuhr Selira fort, während sie sich selbst etwas Tee einschenkte. »Nach deinen . . . Erfahrungen bei Haus Varus wollten wir sicherstellen, dass du dich hier wohlfühlst.«
Reva bemerkte, wie etwas in ihr zerbrach. All die sorgfältig kontrollierten Emotionen drohten an die Oberfläche zu dringen.
»Warum?«, fragte sie mit brüchiger Stimme, konnte kaum die Tränen zurückhalten. »Warum habt ihr mich gerettet, aber meinen Bruder sterben lassen?«
Selira hielt in ihrer Bewegung inne, stellte die Teekanne langsam ab. Etwas wie Bedauern war in ihrem Gesicht erkennbar.
»Wir hätten gerne euch beide gerettet. Aber Cassian ließ uns keine Zeit. Als wir eingriffen, war es für deinen Bruder bereits zu spät.«
»Zu spät?« Revas Stimme wurde lauter, schärfer.
Selira seufzte leise. »Paragraf 16 des Liga-Protokolls erlaubt uns nur einzugreifen, wenn es um einen qualifizierten Auctora-Anwärter geht. Du hast alle formalen Kriterien erfüllt. Cassian hat sich geweigert, dich zu ernennen, obwohl du jedes Recht darauf hattest. Das gab uns die rechtliche Grundlage.«
»Ihr hättet früher eingreifen können! Ihr habt zugesehen!« Revas Hände ballten sich zu Fäusten. Sie spürte, wie ihre Fingernägel sich in ihre Handflächen gruben.
Selira beugte sich vor, ihre Stimme war fast mütterlich. »Die Schuld liegt allein bei Cassian Varus. Seine Männer haben abgedrückt. Seine Entscheidung. Sein System der Grausam