B Theoretische Grundlagen
1 Nachhaltigkeit
1.1 Einführung
Die Welt existierte lange ohne die Begriffe „nachhaltig“ und „Nachhaltigkeit“. Heute hingegen sind diese Ausdrücke nahezu allgegenwärtig und prägen den öffentlichen Diskurs in vielfältiger Weise. Beim Einkauf im Supermarkt erwerben wir Produkte, die als nachhaltige Lebensmittel gelten und aus Praktiken der nachhaltigen Landwirtschaft stammen. Regierungen erweitern vorhandene oder erschaffen neue Ministerien für Umwelt, Naturschutz, natürliche Ressourcen, grüne Landwirtschaft oder vergleichbarer thematischer Ausrichtung. Die United Nations (UN) befürworten seit geraumer Zeit die nachhaltige Entwicklung als Strategie zur globalen Stabilität, während Verbraucher zunehmend Wert auf einen nachhaltigen Lebensstil legen.31 Der Ursprung für den neuen Begriff ist jedoch ein Konzept, welches geschichtlich tief verwurzelt ist. Dieser liegt in der Fachterminologie der Forstwirtschaft. Nachhaltigkeit ist eine semantische Modifikation, Erweiterung und Übertragung des Begriffs nachhaltiger Ertrag.32 In seiner ursprünglichen Fassung wurde das Konzept erstmals 1713 veröffentlicht. Die „Sylvicultura oeconomica“ ist das früheste umfassende Handbuch der Forstwirtschaft und wurde vom deutschen Adligen Hanns Carl von Carlowitz verfasst. Der Verfasser griff auf zwei wichtige Quellen und Modelle zurück: Das Buch „Sylva“ von John Evelyn, welches im Jahr 1664 veröffentlicht wurde, und Jean Baptiste Colberts „Ordonnance“ von 1669 über die königlichen Wälder Frankreichs. Carlowitz (1713) beschäftigt sich mit der Frage, wie eine Erhaltung und Bewirtschaftung von Holz erreicht werden kann, sodass es eine kontinuierliche ständige und nachhaltende Nutzung gebe.
Das Problem beschäftigte Ökonomen und Staatsmänner in ganz Europa: ein vorhergesagter Mangel an Holz, das damals eine der wichtigsten Ressourcen war. Agrarwirtschaftliche Praktiken, Schiffsbau und der steigende Bedarf in Berg- und Hüttenwerken führten in zahlreichen Regionen zu einer Übernutzung der Waldressourcen. Angesichts der zunehmenden Ressourcenknappheit wurde im Rahmen des Konzepts der nachhaltigen Forstwirtschaft eine Bewirtschaftungsstrategie entwickelt, die darauf abzielte, einen möglichst hohen und zugleich langfristig gesicherten Ertrag aus den Wäldern zu erzielen. Dabei durfte die jährliche Entnahme die natürliche Regenerationsrate des Baumbestands nicht überschreiten. In ökonomischer Hinsicht lässt sich dieses Prinzip als die Nutzung der Zinsen des Kapitals verstehen, ohne dabei das Kapital selbst zu erschöpfen.33 Dieses ressourcenökonomische Paradigma in der Forstwirtschaft integriert das ökonomische Ziel der maximalen und langfristigen Nutzung der Wälder mit dem Erhalt der ökologischen Bedingungen für das Nachwachsen des Holzbestands. Es diente als wegweisendes Modell für spätere Überlegungen im Kontext der Nachhaltigkeit.34
Im Laufe des 18., 19. und 20. Jahrhunderts verbreitete sich dieses Gedankengut innerhalb der Forstwirtschaft über den Globus und wurde auch in andere Bereiche adaptiert.35 Grundlegende Ähnlichkeiten finden sich in der Naturwissenschaft, Religion oder auch den Gei