KAPITEL 1: GRUNDLAGEN DER WIRTSCHAFTSETHIK
Lernziele
Nach der Lektüre dieses Kapitels können Sie
- den Unterschied zwischen Moral und Ethik klar benennen und mit eigenen Worten erklären.
- Sie verstehen, warum moralische Normen kulturell unterschiedlich sind und wie sie sich historisch verändern.
- Sie kennen Kohlbergs Modell der moralischen Entwicklung und können es auf wirtschaftliche Entscheidungssituationen anwenden.
- Sie verstehen das Konzept der Dilemmastruktur und können erklären, warum rationale Eigeninteressen zu kollektiv schlechten Ergebnissen führen.
- Sie können das Gefangenendilemma erläutern und seine Bedeutung für die Wirtschaftsethik ableiten.
1.1 Was ist Moral?
Stellen Sie sich vor, Sie sind Einkäufer bei einem mittelständischen Unternehmen. Ein Lieferant bietet Ihnen günstigere Konditionen an als alle anderen, aber Sie wissen, dass seine Fabrik in Bangladesch Überstunden ohne Ausgleich von Minderjährigen verlangt. Kein Gesetz zwingt Sie, diesen Lieferanten zu meiden. Aber etwas in Ihnen sagt: Das ist falsch. Dieses 'etwas' ist Moral.
Moral ist einer jener Begriffe, die jeder zu kennen glaubt, und über den man sich dennoch schnell uneinig ist. Im wissenschaftlichen Sinne bezeichnet Moral einen Komplex von Regeln und Normen, die das Handeln der Menschen bestimmen oder bestimmen sollen und deren Übertretung zu Schuldvorwürfen gegen sich selbst beziehungsweise gegen andere führt (Homann& Lütge, 2013, S. 5). Das klingt trocken. Aber dahinter steckt etwas Wesentliches: Moral ist nicht nur ein inneres Gefühl. Sie ist ein soziales Phänomen. Sie entsteht zwischen Menschen, in Gemeinschaften, über Zeit.
Definition: Moral
Moral bezeichnet den Komplex von Regeln und Normen, die das Handeln der Menschen in einer Gesellschaft bestimmen oder bestimmen sollen. Moralische Normen entstehen durch kollektive Erfahrung und werden durch soziale Sanktionen (Lob, Tadel, Ausschluss) aufrechterhalten (Homann& Lütge, 2013, S. 5; Bak, 2024, S. 18).
1.1.1 Die soziale Funktion moralischer Normen
Menschen sind, wie Aristoteles es formulierte, von Natur aus politische, also gemeinschaftliche, Wesen (Aristoteles, Politik, 1253a). Kein Mensch kann allein überleben. Keine Gemeinschaft kann ohne Regeln funktionieren. Moralische Normen übernehmen dabei eine fundamentale Koordinationsaufgabe: Sie stellen Erwartungen dar, an denen alle Beteiligten ihr Verhalten ausrichten können. Wenn Sie wissen, dass Ihr Gegenüber Versprechen hält,
können Sie Verträge schließen. Wenn Sie wissen, dass niemand stehlen wird, können Sie in aller Ruhe zur Arbei