: Frank C. Maikranz
: Gewinn und Gewissen Eine Wirtschaftsethik in einer Welt ohne einfache Antworten
: Books on Demand
: 9783695783403
: 1
: CHF 22.00
:
: Sonstiges
: German
: 232
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Darf ein Unternehmen Stellen abbauen, obwohl es Gewinne macht? Soll Ihr Onlineshop Preise je nach Wohnort anpassen, weil der Algorithmus es kann? Und ist es in Ordnung, beim Discounter das Billigfleisch zu kaufen, solange man sich dabei unwohl fühlt? Wirtschaftsethik beginnt nicht erst im Vorstandsbüro. Sie beginnt im Alltag: an der Supermarktkasse, im Bewerbungsgespräch, beim Blick auf die eigene Stromrechnung. Gewinn und Gewissen macht diese Verbindung sichtbar. In fünf Kapiteln führt Frank C. Maikranz durch die großen Ethiktheorien, entfaltet die Logik moralischer Dilemmata und wendet sie konsequent auf reale Wirtschaftsentscheidungen an. Wirecard, Boeing, McKinsey, OpenAI: Die Fallbeispiele stammen nicht aus der Theorie, sondern aus den Schlagzeilen. Der didaktische Bogen reicht von den Grundbegriffen Moral und Ethik über Kohlbergs Stufenmodell und das Gefangenendilemma bis zu KI-Ethik, Klimagerechtigkeit und der Zukunft der Arbeit. Jedes Kapitel enthält Lernziele, Kontrollfragen und weiterführende Literatur. Maikranz bringt zwei Perspektiven zusammen, die selten in einem Kopf vereint sind: lange Jahre als Unternehmensberater in der Wirtschaftspraxis und fast zwei Jahrzehnte als Hochschullehrer mit dem Anspruch, komplexe Zusammenhänge verständlich und gelegentlich unbequem auf den Punkt zu bringen. Ein Buch für Studierende der Betriebswirtschaftslehre, für Führungskräfte mit Entscheidungsverantwortung und für alle, die wissen wollen, ob sich Gewinn und Gewissen vertragen. Die Antwort ist nicht einfach. Aber sie ist lösbar.

Frank C. Maikranz ist Hochschullehrer an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg und Gründungsdirektor des Centrums für Entrepreneurship, Innovation und Mittelstand (CENTIM). Bevor er vor fast zwanzig Jahren in die Hochschullehre wechselte, war er lange Jahre als Unternehmensberater tätig. In Lehre, Forschung und Praxis beschäftigt er sich mit den Spannungsfeldern von Wirtschaft, Verantwortung, Innovation und unternehmerischem Handeln.

KAPITEL 1: GRUNDLAGEN DER WIRTSCHAFTSETHIK


Lernziele

Nach der Lektüre dieses Kapitels können Sie

  • den Unterschied zwischen Moral und Ethik klar benennen und mit eigenen Worten erklären.
  • Sie verstehen, warum moralische Normen kulturell unterschiedlich sind und wie sie sich historisch verändern.
  • Sie kennen Kohlbergs Modell der moralischen Entwicklung und können es auf wirtschaftliche Entscheidungssituationen anwenden.
  • Sie verstehen das Konzept der Dilemmastruktur und können erklären, warum rationale Eigeninteressen zu kollektiv schlechten Ergebnissen führen.
  • Sie können das Gefangenendilemma erläutern und seine Bedeutung für die Wirtschaftsethik ableiten.

1.1 Was ist Moral?


Stellen Sie sich vor, Sie sind Einkäufer bei einem mittelständischen Unternehmen. Ein Lieferant bietet Ihnen günstigere Konditionen an als alle anderen, aber Sie wissen, dass seine Fabrik in Bangladesch Überstunden ohne Ausgleich von Minderjährigen verlangt. Kein Gesetz zwingt Sie, diesen Lieferanten zu meiden. Aber etwas in Ihnen sagt: Das ist falsch. Dieses 'etwas' ist Moral.

Moral ist einer jener Begriffe, die jeder zu kennen glaubt, und über den man sich dennoch schnell uneinig ist. Im wissenschaftlichen Sinne bezeichnet Moral einen Komplex von Regeln und Normen, die das Handeln der Menschen bestimmen oder bestimmen sollen und deren Übertretung zu Schuldvorwürfen gegen sich selbst beziehungsweise gegen andere führt (Homann& Lütge, 2013, S. 5). Das klingt trocken. Aber dahinter steckt etwas Wesentliches: Moral ist nicht nur ein inneres Gefühl. Sie ist ein soziales Phänomen. Sie entsteht zwischen Menschen, in Gemeinschaften, über Zeit.

Definition: Moral

Moral bezeichnet den Komplex von Regeln und Normen, die das Handeln der Menschen in einer Gesellschaft bestimmen oder bestimmen sollen. Moralische Normen entstehen durch kollektive Erfahrung und werden durch soziale Sanktionen (Lob, Tadel, Ausschluss) aufrechterhalten (Homann& Lütge, 2013, S. 5; Bak, 2024, S. 18).

1.1.1 Die soziale Funktion moralischer Normen


Menschen sind, wie Aristoteles es formulierte, von Natur aus politische, also gemeinschaftliche, Wesen (Aristoteles, Politik, 1253a). Kein Mensch kann allein überleben. Keine Gemeinschaft kann ohne Regeln funktionieren. Moralische Normen übernehmen dabei eine fundamentale Koordinationsaufgabe: Sie stellen Erwartungen dar, an denen alle Beteiligten ihr Verhalten ausrichten können. Wenn Sie wissen, dass Ihr Gegenüber Versprechen hält,

können Sie Verträge schließen. Wenn Sie wissen, dass niemand stehlen wird, können Sie in aller Ruhe zur Arbei