: Sabine Löffler
: Gut genug Mutterschaft zwischen Biografie und Gesellschaft
: Books on Demand
: 9783695763764
: 1
: CHF 7.00
:
: Gesellschaft
: German
: 234
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Dieser autobiografische Essay setzt sich mit der Frage auseinander, inwiefern Mutterschaft als hinreichend gut empfunden werden kann. Wann bin ich als Mutter gut genug für mein Kind? Was bedeutet es für mein Muttersein, mich mit der Beziehung zur eigenen Mutter auseinanderzusetzen? Und ist es unter den gegenwärtigen gesellschaftlichen Bedingungen mit den vielfältigen Ansprüchen an Frauen und Mütter bei noch immer nicht erreichter Gleichstellung überhaupt möglich, sich als gut genug zu erleben? Der Text schlägt dabei den Bogen von der eigenen Biografie zu den gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen Frauen damals Mütter waren und unter denen sie es heute sind. Kritisch betrachtet werden dabei historische Frauenbilder wie das der selbstlosen Mutter ebenso wie die heute propagierte bindungs- und bedürfnisorientierte Erziehung, welche implizit den Mythos einer vermeintlich natürlichen Mutterliebe weiterführt.

Sabine Löffler wurde 1984 in Lichtenstein (Sachsen) geboren, studierte Psychologie in Dresden und absolvierte anschließend eine Ausbildung in tiefenpsychologisch fundierter Psychotherapie in Dresden und Berlin. Ihre Dissertationsschrift verfasste sie über Lebenssinn und Krankheitsbewältigung im Verlauf von Brustkrebs-erkrankungen. Sie ist freiberufliche Psychotherapeutin, Mutter von zwei Kindern und lebt mit ihrer Familie in Berlin.

Zu Anfang: Abschied


Meine Mutter wirft mich, da bin ich fünf Monate alt, auf das Sofa im Wohnzimmer meiner Großmutter, dreht sich wortlos um und geht. So die Erzählung meiner Oma, die ich später oft versehentlich Mama nenne. In der Geschichte meiner Mutter ist sie eine überforderte junge Frau, die versucht, vor ihrer Schwiegermutter zu verbergen, wie schwer ihr diese Abschiede fallen. Jeden Montag Morgen fährt sie nach Jena, zu ihrer Studiengruppe, in ihr eigenes Leben. Und jeden Freitag Abend, wenn sie zurück kommt, fragt sie sich, ob ich sie noch erkennen werde. Ob ich die Arme nach ihr ausstrecken werde oder nicht. Und wenn ich es dann tue, weint sie vor Erleichterung.

Anfänglich bevorzugten es meine Eltern, sich nach ihren Wochenendbesuchen in Berlin auf den Heimweg zu machen, wenn mein Kind, ihr Enkel gerade schlief. Damit er nicht weint. Und damit sie sich nicht verabschieden mussten. Mit der Zeit sind sie besser darin geworden, den manchmal offensichtlichen, oft hinter Missmut verborgenen Abschiedsschmerz ihres Enkels auszuhalten. Fast immer haben sie feuchte Augen, wenn wir nach einem Besuch bei ihnen wegfahren. Mein Vater mag es gar nicht, uns zum Zug zu bringen, sagt er. Und doch tut er es jedes Mal wieder und winkt uns lange nach.

Wenige Tage nach der Geburt meines Sohnes liegt er neben mir im Bett, er ist winzig klein und verschwindet fast in seinem Schlafsack. Die Arme hat er nach oben geworfen und neben dem Köpfchen abgelegt, so dass er aussieht als hätte er sich dem Schlaf voll und ganz ergeben. Mir geht diese kitschige Liedzeile „God is watching us“ durch den Kopf, und obwohl ich nicht religiös bin und nur als Kind und später immer nur in Krisenmomenten gebetet habe, wünsche ich mir jetzt sehr, dass da jemand ein Auge auf uns hat und dass das alles irgendwie gut wird. Ich fühle eine heftige Liebe und beinahe schmerzlich die Tragweite der Verantwortung, die ich ab jetzt für eine sehr lange Zeit für dieses kleine Wesen tragen werde. In diesem Moment glaube ich zum ersten Mal zu begreifen, wie es für meine Großmutter gewesen sein muss, ihre ersten beiden Kinder zu verlieren, als sie noch kein Jahr alt waren. Wie tief ihr Schmerz gewesen sein mus