: Margarita Kousseva
: Ein Jahr Urlaub Südamerika
: Books on Demand
: 9783695702244
: Ein Jahr Urlaub
: 1
: CHF 10.00
:
: Spiritualität
: German
: 322
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Das ist mein drittes Reisebuch der geplanten Reihe, die über"ein Jahr Urlaub" erzählt. Ob man es als Reisetagebuch, als persönliche Memoiren oder als Sammlung von Essays liest, ist letztlich nebensächlich. Am ehesten lässt es sich als"ein enzyklopädisches Reisetagebuch über Südamerika" bezeichnen, denn es umfasst Geschichte, Geografie, Geologie, Vulkanologie, Botanik, Psychologie, Politik und Alltagsleben - Themen, die meine Neugier geweckt haben und hoffentlich auch für euch interessant sind. Ich möchte euch gedanklich auf den Weg durch Südamerika mitnehmen, das ihr gemeinsam mit mir und meiner Familie entdeckt: per Flugzeug und Bus, mit Booten auf Flüssen und über Seen, im Geländewagen durch die Wüste, auf staubigen Straßen, zu Fuß über alte Inkapfade und durch pulsierende Metropolen. Wir bewegen uns zwischen den eisigen Gipfeln der Anden und den endlosen Weiten des Amazonasbeckens, durch die trockene Küstenwüste Atacama, durch fruchtbare Täler und tropische Regenwälder. Wir stehen im ersten Licht des Morgens auf Hochplateaus, wo die Luft dünn ist und der Atem schwer fällt, und beobachten abends, wie die Sonne glutrot hinter Sanddünen oder Bergketten versinkt. Ihr spürt die Hitze der Wüste auf der Haut, den kalten Wind der Höhenlagen, die feuchte Schwüle des Regenwaldes und die Gischt der Iguaçu-Fälle. Ihr riecht Staub, Eukalyptus, Mais, frisch gebrühten Kaffee und exotische Früchte. Unter eu-ren Füßen wechseln sich Kopfsteinpflaster aus der Kolonialzeit, uralte Steinwege der Inka und weicher Sand ab. Ihr hört das Rauschen gewaltiger Wasserfälle, das Kreischen von Papageien und das Brüllen der Seelöwen an der Küste. Auf unseren Wegen begegnen wir den Menschen dieses Kontinents: Frauen in bunten Röcken und mit geflochtenen Hüten, Hirten mit ihren Lamas und Alpakas, Straßenhändler, Gauchos und ihre Familien in der argentinischen Pampa. Ihre Gesichter erzählen von jahrtausendealten Kulturen, von Kolonialgeschichte, von Armut und Stolz, von Widerstand und Lebensfreude. In kleinen Dörfern und großen Städten erleben wir Feste, Musik und Tänze, hören Sprachen, die älter sind als jedes geschriebene Wort, und spüren die tiefe Verbundenheit der Menschen mit ihrem Land und ihren Vorfahren.

Ich wurde 1969 in Sofia, Bulgarien geboren. Mit 22 Jahren kam ich nach Zürich, wo ich Informatik an der ETH Zürich studierte. Hier habe ich meinen Mann russi-scher Abstammung kennengelernt, wir haben drei Kinder. Über 30 Jahre lang war ich als IT-Architektin und IT-Projektleiterin in Großbanken sowie in der öffentlichen Bundesverwaltung in der Schweiz tätig. Ich liebe meinen Beruf, jedoch brauche ich immer wieder einen Ausgleich zu der IT-Welt. Nach meiner langen beruflichen Lauf-bahn habe ich meine Familie überzeugt, gemeinsam eine einjährige Auszeit zu nehmen, um die Welt zu erkunden und die"Zeit zu verlangsamen".

Prolog


„Was ist ein Sabbatical?“

Die Frage des freundlichen jungen Mannes am Schalter vor der amerikanischen Botschaft in Bern trifft uns unvorbereitet. Es ist früh am Morgen und wir sind zu unserem bereits vor zwei Monaten reservierten Termin erschienen – alle vier, denn wir planen, länger als drei Monate in den USA zu bleiben. Selbst mit unseren Schweizer Pässen reicht das nicht aus. Ich habe zweieinhalb Monate auf Hawaii eingeplant, wo die Kinder ein internationales College besuchen werden. Nachher ist die Zeit knapp, den Kontinent von der West- zur Ostküste nach New York zu durchqueren, wie ich gern hätte. Da die USA unser letztes Reiseziel sind, wo wir erst in einem Jahr sein werden, ist mein Plan nicht einmal besonders gut durchdacht. Also habe ich vorsichtshalber ein Touristenvisum für mehr als drei Monate beantragt.

Wir reihen uns in die Schlange vor der Botschaft ein, die sich zwischen den Absperrungen hindurchzieht. Aus den zahlreichen Informationsschildern vor dem Eingang erfahren wir unter anderem, dass man keinen Laptop mit hineinnehmen darf. Mein Mann läuft die halbe Stunde zurück zum Bahnhof Bern, um seinen Computer in einem der Schließautomaten zu deponieren. Die Anweisung stand zwar in der E-Mail, aber da ich meinen Laptop nicht mitnehmen wollte, hatte ich sie übersehen und vergessen, dass Akim eigentlich auf dem Weg zur Arbeit war. Es beginnt zu regnen, und wir warten fast eine Stunde unter einem Dachvorsprung auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Schließlich kommt er, außer Atem, zurück. Endlich dürfen wir mit dem jeweiligen dicken Teil der Warteschlange durch den hinter einer Betonmauer versteckten Eingang ins Gebäude.

Drinnen folgen die üblichen Prozeduren: Sicherheitskontrolle, Überprüfung der ausgefüllten Formulare, Bestätigung der Vorregistrierung und nach fast einem Kilometer Fußmarsch erreichen wir endlich den letzten Schalter. Meine Formulare und die der Kinder werden schnell überflogen und akzeptiert. Doch bei Akim prüft der Beamte genauer, verschwindet kurz und kommt mit einem Zettel handgeschriebene Liste zusätzlicher Dokumente zurück, die er noch vorlegen muss.

Akim hatte erklärt, dass er keinen russischen Pass mehr besitzt, was auch stimmt. Nach jahrelangem Hin und Her, in das sogar familiäre Kontakte zur russischen Polizei verwickelt waren, konnte er keinen neuen Pass mehr beantragen, nachdem der alte abgelaufen war. Der Grund? Er konnte nicht nachweisen, wo er 1991 lebte, als die Sowjetunion zusammenbrach und er gerade 21 Jahre alt war.

Wie auch immer, nachdem Russland den völkerrechtswidrigen Krieg gegen die Ukraine begonnen hatte, erscheint es wie ein Vorteil, keinen russischen Pass zu haben, aber die Tatsache, dass er in Russland geboren wurde, blieb im Formular erhalten. Der Beamte fragte auch, ob er früher die russische Staatsbürgerschaft besessen hatte, was er nicht verneinen konnte. Ebenso wie die Tatsache, dass er in der Wissenschaft in Bereichen wie Chemie und Physik gearbeitet hatte. Nun soll er eine Liste seiner wissenschaftlichen Publikationen und eine Zusammenfassung seiner Dissertation einreichen. Seine letzte Veröffentlichung war allerdings im letzten Jahrtausend, als er seinen Doktortitel in Physik an der Universität Zürich erlangte. Daher hielten wir das für kein großes Problem.

Eine Woche nach unserem Besuch in der Botschaft schickt mein Mann die geforderten Unterlagen.