: Dominic Scaife
: Industriestadt Manchester Industrie, Gesellschaft und Wandel an einem Ort (Stadtführung durch die Vergangenheit der ersten Industriestadt der Welt)
: Books on Demand
: 9783695756711
: 1
: CHF 8.80
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: Regional- und Ländergeschichte
: German
: 224
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Manchester gilt gemeinhin als Wiege der Industrialisierung und erste Fabrikstadt der Welt. Immer wieder verstand es die nordenglische Stadt seit ihrem Aufstieg im 18. Jahrhundert als Zentrum der Textilherstellung, sich weiterzuentwickeln und neu zu erfinden - als in zahlreichen Zulieferbranchen tätiger breit diversifizierter Industriestandort, als globale Handels- und Finanzmetropole, als viertgrößter Seehafen Großbritanniens und schließlich als Sport- und Kulturstadt. Nirgendwo sonst war die soziale Kluft zwischen Arm und Reich derart ausgeprägt wie im überbevölkerten Manchester der 1840er Jahre, wie sie den jungen Friedrich Engels zu seiner revolutionären Gesellschaftstheorie inspirierte. Auch die Deutschen als größte ausländische Migrantengemeinschaft prägten vor allem das wirtschaftliche und kulturelle Leben des viktorianischen Manchesters. Heute hat sich Manchester von den negativen Folgen des postindustriellen Wandels weitgehend erholt: Nach der Stadtflucht in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wächst die heutige Stadt wieder kräftig und behauptet sich als regionale Hauptstadt Nordenglands und zweite Stadt Großbritanniens."Industr estadt Manchester" versteht sich als Stadtführung auf Deutsch durch die Vergangenheit Manchesters mit dem Ziel, dem interessierten deutschsprachigen Leser die Geschichte der ersten Industriestadt der Welt vom vorindustriellen Zeitalter bis zum heutigen Tag anschaulich und auf leicht verständliche Art näherzubringen. Neben der Stadtgeschichte werden darüber hinaus relevante Aspekte der britischen und europäischen Zeitgeschichte thematisiert wie die 1848er Revolution, die Kolonisierung und der Kampf Irlands um seine Unabhängigkeit und die grundsätzlich undemokratischen politischen Verhältnisse im Großbritannien des neunzehnten Jahrhunderts. Der andere große Schwerpunkt gilt der Frage, inwieweit und auf welche Weise Manchester im Laufe seiner Entwicklung einen Einfluss auf Deutschland und die Deutschen ausübte sowie umgekehrt: Einerseits wurden viele Innovationen wie das Fabriksystem und die Dampfmaschine nach Deutschland exportiert und prägten die dortige Industrialisierung; andererseits fanden nicht wenige deutsche Mittelständler, die dem autoritär-konservativen preußischen Obrigkeitsstaat zu entkommen suchten, in Manchester mit seinem liberalen Gedankengut eine attraktive neue Heimat, engagierten sich dort wirtschaftlich, geistig und philantrophisch und bereicherten dadurch die Stadtgesellschaft.

Dominic Scaife (1974) ist in Manchester geboren und in der Nähe aufgewachsen. Er studierte Germanistik und Linguistik in York und Potsdam, ist freiberuflicher Übersetzer und lebt heute in Berlin.

1. Vorindustrielles Manchester


Ausschlaggebend für die Entstehung Manchesters im Zuge der industriellen Revolution in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts als erste Industriestadt der Welt war seine Rolle als Zentrum der Baumwollindustrie der Grafschaft Lancashire. Vor diesem Hintergrund gilt es zunächst, einen Blick auf die neuzeitliche Entwicklung der Textilindustrie sowohl in Lancashire als auch in Manchester selbst zu werfen, um die Voraussetzungen für die anschließende Geburt der Industriestadt Manchester besser zu verstehen. Der letzte Teil dieses Kapitels versucht im Anschluss, einen Eindruck davon zu vermitteln, wie die Stadt selbst am Vorabend der industriellen Revolution wohl ausgesehen haben mag.

Die Entstehung der Textilindustrie in Lancashire

Topographisch durchkreuzt den östlichen Teil Lancashires vom Norden nach Süden eine Hügelkette, die eine natürliche Grenze zur benachbarten Grafschaft Yorkshire bildet: Die sogenannten „Pennines“. Es handelt sich hierbei um ein hochgelegenes Moorgebiet mit einem feuchten Klima, hohen Niederschlagsmengen und schnell fließenden Bächen hinunter bis ins Flachland. Landwirtschaftlich ist in dieser wilden und entlegenen Landschaft die Schafzucht weit verbreitet, so dass schon ab dem 13. Jahrhundert eine wachsende Zahl von Bauern als Nebentätigkeit Wollstoff webten, um ihr Einkommen zu ergänzen. So begann bereits 500 Jahre vor der industriellen Revolution die Geschichte der Textilindustrie Lancashires.

In den folgenden Jahrhunderten entwickelte sich der Südosten Lancashires zum Schwerpunkt der entstehenden Textilindustrie – zuerst Wolle und ab Mitte des 16. Jahrhunderts auch Leinen. Die Region besaß einige natürliche Vorteile, die die Textil-verarbeitung begünstigten: Neben der Versorgung mit Rohstoffen für die Wollverarbeitung aus den nahegelegenen Pennines boten die zahlreichen von den Hügeln schnell herabströmenden Bäche eine natürliche Quelle zur Erzeugung von Wasserkraft. So entstanden viele Textilverarbeitungszentren wie Oldham, Rochdale und Bol-ton nördlich und östlich von Manchester am Fuß der Hügel dort, wo das Wasser herunterfließt. Hinzu kamen breite Flüsse wie die Ribble und die Mersey, die die Region mit dem Meer verbanden und somit als wichtige Handelswege dienten. Was die

Die Pennines zwischen Manchester und Sheffield

Bedeutung von Wasserkraft anbelangt, soll darauf hingewiesen werden, dass nach seiner Verarbeitung Wollstoff anschließend appretiert (veredelt) werden musste: Hierfür entstanden schon ganz früh wasserbetriebene Walkmühlen.

Zu einer bedeutenden Industrie hatte sich bis Mitte des 16. Jahrhunderts das Lein-engewerbe in der Region in und um Manchester entwickelt. Aufgrund hoher Abgaben für Importe vom europäischen Festland blühte die Industrie im späten 17. Jahrhundert; gleichzeitig wuchs die Nachfrage aufgrund des Bedarfs des Barchentgewerbes und Manchester diente als Haupthandelsplatz. Es wird davon ausgegangen, dass Bar-chent (eine Mischung aus Leinen und Baumwolle) ab Anfang des 17. Jahrhunderts in Lancashire verarbeitet wurde, mit den Hauptproduktionsstandorten neben Manchester in den umliegenden Städten Bolton, Blackburn und Oldham. Der Lein wurde aus Irland, Schottland und Russland importiert und die Baumwolle aus dem östlichen Mittelmeerraum. Entstanden ist ein grobes und billiges Tuch. Ebenfalls im 17. Jahrhundert ist in Manchester und den umliegenden Städten das Seidengewerbe entstanden, das sich allerdings anschließend schwerpunktmäßig weiter südlich in der Grafschaft Cheshire entwickelte.

Die Anfänge der Baumwollindustrie Lancashires, die später die Verarbeitung aller vorgenannten Textilien in der Region in den Schatten stellen sollte, gehen auf