JULIA C. SILBER
EIN DRACHELIEST
S eit siebzehn Tagen saß zwischen Regal 7B und dem Zeitschriftenarchiv ein Drache.
Er verhielt sich äußerst höflich, schwieg beim Lesen und bedankte sich, wenn die Bibliothekarin ihm neue Bücher brachte. Die Seiten blätterte er umsichtig mit der Spitze seiner Krallen um, roch an jedem Band, bevor er ihn aufschlug, und aus seinen Nüstern stiegen Rauchkringel, die gelegentlich Worte formten, welche jedoch niemand laut zu entziffern wagte.
Auch wenn sich der Drache durchaus an die allgemeine Besucheretikette hielt, war nicht zu leugnen, dass das Holz des Regals 7B sehr laut knarzte, wenn er sich bewegte, und dass die Lampe über ihm seit Tagen verrußt war.
Die Menschen in der Stadtbibliothek von Newcastleport begegneten dem Drachen daher mit Skepsis, doch niemand traute sich so recht, ihn darauf hinzuweisen, er möge doch bitte das Knarzen des Holzes oder das Einrußen der Lampe vermeiden.
Er schien zudem keine Anstalten zu machen, die Bibliothek wieder verlassen zu wollen. Niemand in Newcastleport hatte je beobachtet, dass er sich überhaupt aus dem Gang zwischen Regal 7B und dem Zeitschriftenarchiv fortbewegte, und noch weniger wusste jemand, wie er überhaupt dorthin gelangt war. Ging man des Nachts an der Bibliothek vorbei, so waren die Fenster hell erleuchtet und das Rascheln von Buchseiten war deutlich zu hören.
»Habt ihr überhaupt so viele Bücher, wie er liest?«, fragte der Bäcker am Morgen des achtzehnten Tages.
Die Bibliothekar