: Stefan Frey
: Hausers Bedenken
: Books on Demand
: 9783695794805
: 1
: CHF 8.80
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 288
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Eine junge, attraktive und schwangere Frau bietet ihm ihren Platz im Tram an. Der erst vor ein paar Monaten pensionierte 70jährige Marcel Hauser spürt schlagartig sein Altsein. Der Schock sitzt tief beim durchaus rüstigen Jungrentner. Er beginnt eine innere Reise zu seinen Ursprüngen in den Fünfzigern und begegnet seiner vom Schicksal hart geprüften Grossmutter, die ihn und seine kleine Schwester anstelle der kränkelnden und schliesslich sterbenden Mutter durch Kindheit und Jugend, bis hin zum jungen Erwachsenen führt. Aus dem Marcel wird der Hauser. Auf einer äusseren, realen Reise sucht Hauser die Plätze seiner frühen (Schul)Reisen auf und begegnet Claire, der ebenfalls alleinstehenden, attraktiven, fast Gleichaltrigen. Sie könnten unterschiedlicher nicht sein: Sie, die dynamische Energiegeladene, er der zögerliche Bedenkenträger. Sie schmieden trotz oder gerade wegen ihrer charakterlichen Unterschiede einen Pakt gegen die heranschleichende Einsamkeit. Die beiden Gefährten begegnen auf ihren nun gemeinsamen Reisen einem wunden Land und verletzten Menschen. Sie beschliessen zu handeln, die Hilflosigkeit angesichts der herrschenden Umstände gegen den Widerstand eintauschend. Das ungleiche Paar nähert sich mehr und mehr jenem Zustand der Auflehnung, den sie seit Jahrzehnten vergessen glaubten. In einer fulminanten Aktion erschüttern sie die Mauern des Gehorsams, der Gleichgültigkeit und der Dummheit. Claires und Hausers Waffen sind Demut, Bescheidenheit und Klugheit - wie es Jahrzehnte zuvor die Grossmutter dem Heranwachsenden als humanistische Wegzehrung mitgegeben hatte. Aus dem von Barmherzigkeit gespeisten Humanismus der unbeugsamen Grossmütter wird der radikale Humanismus ihrer Enkel. Das einzige Mittel, den neoliberalen Faschismus zu überwinden. Auf ihrer Reise durch die Zeiten der geistig-politischen Cholera machen die beiden Weggefährten durch Zufall eine Entdeckung, die ihr Leben grundlegend verändern und zum dauerhaften Fundament ihrer Beziehung machen wird.

Der Autor ist seit den 70er Jahren publizistisch tätig, engagiert in Projekten für Kultur, Umwelt und Entwicklung. Zusammen mit dem Fotografen Christian Gerber Reportage-Reise nach Kuba. Zehn Jahre im Dienste einer global tätigen Natur- und Umweltschutzorganisation, danach unabhängiger Berater in Kommunikationsprojekten. 1987 erste Reise nach Madagaskar, wo er seither zahlreiche Projekte initiierte. Das Wichtigste: MadEole, Elektrifizierung von Dörfern mit Wind- und Solarenergie im Norden Madagaskars. Veröffentlichungen: Im Februar 2013 Blätter aus dem Tropenwald - Kurzgeschichten aus Madagaskar. 2014 der Roman Die Befreiung: eine Liebe auf Madagaskar. Von der Kolonie zur Befreiung und zurück. 2017 der Roman Der Abgang: Bericht aus einer nahen Zeit. 2019 der Roman Strohgold: Aufstieg und Fall im Second Empire. 2020 der Roman Jackpot: oder Die Würde des Menschen ist verfügbar. 2025/26 der Roman Das Ende vom Lesen: oder Die Kunst, intelligent zu bleiben. Der Autor lebt und schreibt in Olten (Schweiz) und in Diego-Suarez (Madagaskar).

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Bittere Höflichkeit


Die Höflichkeit der jungen Frau traf Hauser wie ein ungebremsterCross von Muhammad Ali auf den ungedeckten Solarplexus. »Setzen Sie sich doch bitte.« hauchte sie dem scheinbar Hilfsbedürftigen entgegen. Ganz so, wie es die von niemandem beachteten und schon gar nicht respektierten, neben gewissen Sitzplätzen im Tram angebrachten Hinweise empfahlen: Bitte diesen Platz alten, behinderten oder schwangeren Personen frei halten. Gleichzeitig erhob sich die junge Frau, um ihren Sitzplatz freizugeben und Hauser in ein Wachkoma zu befördern. Dabei schenkte sie ihm ein Lächeln und ein Strahlen aus blaugrünen Augen, die zusammen als Gesamtkunstwerk mit bezaubernd nicht einmal annähernd zu beschreiben gewesen wären. Vielleicht am besten noch mit Monets unvergleichlichen Bildern aus dessen Garten inGiverny, von denen sich Hauser gerade eben im Museum verabschiedet hatte. Das Tram fuhr an und Hauser war verwirrt.

Er wusste nichts zu erwidern. Nicht einmal ein Dankeschön kam aus seiner plötzlich ausgetrockneten Kehle, als befände er sich an einer mündlichen Prüfung in ferner Vergangenheit. Dabei zeichnete sich auf dem Bauch der schlanken Frau auch noch eine leichte Wölbung ab, die trotz des weiten, luftigen Sommerkleides nicht zu verbergen war. Ein zusätzlicherJab des Grössten. Ein gequältes Lächeln war alles, was er aufbieten konnte. Die hilfsbereite zukünftige Mutter quittierte die hilflose Reaktion des älteren Herrn mit Gleichmut und einem Blick, der – es folgte ein finalerUppercut von Alis Rechter – nur Mitleid mit einem einsamen alten Mann bedeuten konnte.

Da war es also. Das Alter. Ein Überfall am helllichten Spätsommertag. An einem jener alljährlich rekordheissen Tage, an denen man gerne in klimatisierte Museen flüchtet oder zuhause, hinter verschlossenen Fensterläden in abgedunkelten Räumen nahezu regungslos den Tag irgendwie hinter sich bringt, um in der sinnlos gewordenen Hoffnung auf einen kühleren Abend einen Gang durch die Stadt zu wagen. Hauser zählte sich zur ersten Gruppe. Und er hatte durchaus Gefallen daran gefunden, die verschiedensten Ausstellungen, in denen erlesene Kunstwerke in modernen Klimakammern gezeigt werden, abzuklappern. Als alleinstehender Jungrentner war er zwar zeitlich privilegiert, aber finanziell, mit einer staatlichen Rente und einer lächerlichen privaten Pension, die jedes Jahr näher in Richtung Trinkgeld schrumpfte, am Limit. Aber man hatte gelernt, damit zu leben, er beklagte sich nie. Auch jetzt nicht als er vom Tram auf die Bahn umstieg, um eine halbe Stunde in einem Zug zu verbringen, der bei vierzig Grad Aussentemperatur mit nicht funktionierender Klimaanlage in Solden eine Hundertschaft dehydrierter Reisender auf den Bahnsteig leeren würde.

Immerhin standen an seinem Zielort Freiwillige bereit und gaben den Ausgetrockneten gekühltes Mineralwasser ab. Gratis. Der von der Hitze unversehrte Hauser griff zu und steckte gleich zwei Flaschen ein. Seit er nicht mehr jeden Monat einen vollen Lohn auf sein Konto gutgeschrieben erhielt, hatte er sich auf jeden noch so geringen Vor teil trainiert. Wo etwas gratis zu haben war, langte er zu.Rabattmärkli und Karten aus dem Usego-Laden seiner Kindheit hiessen jetzt Cumulus oder Supercard und bildeten mit Sonderangeboten gleichsam die Koordinaten in seinem Konsumentenleben. Er machte sich dem Fluss entlang auf den kurzen Heimweg und gab sich der trügerischen Illusion hin, das fliessende Wasser verbreite etwas Kühle.

Die nach Westen ausgerichtete Wohnung war natürlich verdunkelt. Eine Massnahme, die man seit ein paar Jahren aufgrund der be sonderen Lage von Mai bis August zwischen zehn Uhr morgens und zwanzig Uhr abends befolgen musste, sonst gab es Strafpunkte auf dem Sozialkonto. D