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Bittere Höflichkeit
Die Höflichkeit der jungen Frau traf Hauser wie ein ungebremsterCross von Muhammad Ali auf den ungedeckten Solarplexus. »Setzen Sie sich doch bitte.« hauchte sie dem scheinbar Hilfsbedürftigen entgegen. Ganz so, wie es die von niemandem beachteten und schon gar nicht respektierten, neben gewissen Sitzplätzen im Tram angebrachten Hinweise empfahlen: Bitte diesen Platz alten, behinderten oder schwangeren Personen frei halten. Gleichzeitig erhob sich die junge Frau, um ihren Sitzplatz freizugeben und Hauser in ein Wachkoma zu befördern. Dabei schenkte sie ihm ein Lächeln und ein Strahlen aus blaugrünen Augen, die zusammen als Gesamtkunstwerk mit bezaubernd nicht einmal annähernd zu beschreiben gewesen wären. Vielleicht am besten noch mit Monets unvergleichlichen Bildern aus dessen Garten inGiverny, von denen sich Hauser gerade eben im Museum verabschiedet hatte. Das Tram fuhr an und Hauser war verwirrt.
Er wusste nichts zu erwidern. Nicht einmal ein Dankeschön kam aus seiner plötzlich ausgetrockneten Kehle, als befände er sich an einer mündlichen Prüfung in ferner Vergangenheit. Dabei zeichnete sich auf dem Bauch der schlanken Frau auch noch eine leichte Wölbung ab, die trotz des weiten, luftigen Sommerkleides nicht zu verbergen war. Ein zusätzlicherJab des Grössten. Ein gequältes Lächeln war alles, was er aufbieten konnte. Die hilfsbereite zukünftige Mutter quittierte die hilflose Reaktion des älteren Herrn mit Gleichmut und einem Blick, der – es folgte ein finalerUppercut von Alis Rechter – nur Mitleid mit einem einsamen alten Mann bedeuten konnte.
Da war es also. Das Alter. Ein Überfall am helllichten Spätsommertag. An einem jener alljährlich rekordheissen Tage, an denen man gerne in klimatisierte Museen flüchtet oder zuhause, hinter verschlossenen Fensterläden in abgedunkelten Räumen nahezu regungslos den Tag irgendwie hinter sich bringt, um in der sinnlos gewordenen Hoffnung auf einen kühleren Abend einen Gang durch die Stadt zu wagen. Hauser zählte sich zur ersten Gruppe. Und er hatte durchaus Gefallen daran gefunden, die verschiedensten Ausstellungen, in denen erlesene Kunstwerke in modernen Klimakammern gezeigt werden, abzuklappern. Als alleinstehender Jungrentner war er zwar zeitlich privilegiert, aber finanziell, mit einer staatlichen Rente und einer lächerlichen privaten Pension, die jedes Jahr näher in Richtung Trinkgeld schrumpfte, am Limit. Aber man hatte gelernt, damit zu leben, er beklagte sich nie. Auch jetzt nicht als er vom Tram auf die Bahn umstieg, um eine halbe Stunde in einem Zug zu verbringen, der bei vierzig Grad Aussentemperatur mit nicht funktionierender Klimaanlage in Solden eine Hundertschaft dehydrierter Reisender auf den Bahnsteig leeren würde.
Immerhin standen an seinem Zielort Freiwillige bereit und gaben den Ausgetrockneten gekühltes Mineralwasser ab. Gratis. Der von der Hitze unversehrte Hauser griff zu und steckte gleich zwei Flaschen ein. Seit er nicht mehr jeden Monat einen vollen Lohn auf sein Konto gutgeschrieben erhielt, hatte er sich auf jeden noch so geringen Vor teil trainiert. Wo etwas gratis zu haben war, langte er zu.Rabattmärkli und Karten aus dem Usego-Laden seiner Kindheit hiessen jetzt Cumulus oder Supercard und bildeten mit Sonderangeboten gleichsam die Koordinaten in seinem Konsumentenleben. Er machte sich dem Fluss entlang auf den kurzen Heimweg und gab sich der trügerischen Illusion hin, das fliessende Wasser verbreite etwas Kühle.
Die nach Westen ausgerichtete Wohnung war natürlich verdunkelt. Eine Massnahme, die man seit ein paar Jahren aufgrund der be sonderen Lage von Mai bis August zwischen zehn Uhr morgens und zwanzig Uhr abends befolgen musste, sonst gab es Strafpunkte auf dem Sozialkonto. D