: Sascha Büttner
: Texte zur Fotografie
: Books on Demand
: 9783695108046
: 1
: CHF 9.70
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: Fotografie, Film, Video, TV
: German
: 408
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Jeder Fotograf glaubt, er halte die Welt fest. Dabei bedient er ein System, das sich permanent neu erfindet. Fotografie ist mehr als Bilderzeugung - sie ist eine Welterschließungsmaschine, die unsere Wahrnehmung grundlegend prägt. Diese kritische Kartografie versammelt 61 Beiträge, die das fotografische Denken für das digitale Zeitalter neu vermessen. Von Benjamins Aura-Verlust über Barthes' Punctum bis zu Flussers technischen Bildern und KI-generierten Realitäten entfaltet sich ein theoretisches Panorama, das weit über die Fotografie hinausreicht. Sascha Büttner zeigt, wie sich die alten Fragen - Kunst oder Technik? Wahrheit oder Konstruktion? - in der Ära algorithmischer Bildproduktion radikal verschieben. Wenn Computational Photography jeden Smartphone-Nutzer zum unwissenden Komplizen einer Technologie macht, die Realität nicht mehr abbildet, sondern aktiv formt, kollabiert die Unterscheidung zwischen Sehen und Gesehenwerden endgültig. Die hier versammelten Analysen navigieren durch drei zentrale Entwicklungslinien: erweiterte Indexikalität von optischer bis zu algorithmischer Bildgebung, den paradigmatischen Übergang von Repräsentation zu Operation und die phänomenologische Umwälzung menschlicher Wahrnehmungserfahrung. Dabei verschränken sich Machttheorie, Wahrnehmungsphilosophie und Kulturkritik zu einer konzeptuellen Neuvermessung des Visuellen. Eine intellektuelle Genealogie, die von Laozis Wu Wei-Philosophie über Foucaults Disziplinaranalysen bis zu Trevor Paglens forensischer KI-Kritik reicht - und dabei enthüllt, wie aus harmlosen Bildermachern Bediener einer globalen Überwachungs- und Kontrollmaschinerie geworden sind. Wo sämtliche visuelle Äußerungen zu algorithmischen Textfragmenten werden, transformieren sich Fotografien zu modularem Datenmaterial ohne Werkcharakter. Diese Textsammlung dekonstruiert die diskriminierenden Strukturen des Mediums selbst und entwirft eine kritische fotografische Praxis für eine Ära, in der die Maschinerie die Welt nicht nur neu erfindet, sondern ihre Nutzer glauben lässt, sie würden sie bloß abbilden.

Seit mehr als 25 Jahren übt Sascha Büttner die Profession des Coaches sowie des Trainers in der Arbeitswelt aus, ist Taijiquan, Tai Chi und Qigong praktizierender und meditiert seit seinem 14. Lebensjahr. Zudem betätigt er sich als Fotograf, Herausgeber und Autor. Zeit seines Lebens folgt er dem Tao. Sascha Büttner gründete und betreibt das metalabor, einen der kleinsten, deutschsprachigen Think Tanks.

Einleitung


Jeder Fotograf glaubt, er halte die Welt fest. Dabei bedient er ein System, das sich permanent neu erfindet.

Die Naivitätslegende bröckelt bei genauerem Hinsehen: Johann Heinrich Schulzes Nachweis der Lichtempfindlichkeit von Silbersalzen 1727 entsprang keineswegs zufälliger Bastelei, sondern wissenschaftlicher Neugier nach den Gesetzmäßigkeiten optischer Phänomene. Die Camera Obscura fungierte seit Aristoteles als erkenntnistheoretisches Modell, das Descartes und Locke für ihre Bewusstseinsphilosophien instrumentalisierten. Als Daguerres Verfahren am 7. Januar 1839 der Französischen Akademie vorgestellt wurde, entbrannten umgehend Grundsatzdebatten über mechanische versus künstlerische Bilderzeugung – die Zeitgenossen witterten instinktiv die begriffliche Sprengkraft einer Technologie, die sich als harmlose Dokumentation tarnte, während sie die Koordinaten der Wahrnehmung neu kalibrierte.

Das aufstrebende Bürgertum benötigte demokratische Bildverfahren gegen aristokratische Repräsentationsmonopole. Nicht zufällig entstand die Fotografie in der revolutionären Umbruchszeit zwischen 1789 und 1848, als sich bürgerliche Öffentlichkeit gegen feudale Privilegienstrukturen durchsetzte. Edgar Allan Poes Euphorie über den «wichtigsten Triumph der modernen Wissenschaft» 1840 und Baudelaires Verdikt vom «tödlichsten Feind der Kunst» 1859 verrieten gleichermaßen das Bewusstsein für die kulturelle Tektonik des neuen Mediums – beide ahnten die Geburt eines Apparats zur systematischen Umgestaltung visueller Kultur, der weit über technische Aufzeichnung hinausreichte.

Seit 1839 zirkulieren dieselben Grundfragen, während sich die Antworten mit jeder technologischen Volte neu konfigurieren: Kunst oder Technik? Wahrheitsmedium oder Konstruktionsapparat? Dokumentation oder systematische Realitätsmanipulation? Was als technisches Problem der Bildaufzeichnung begann, entlarvte sich rasch als Frontalangriff auf etablierte Konzepte von Autorschaft, Originalität und Realitätszugang. Eine mediale Zeitenwende, die ihre eigenen Denkformen generierte und dabei die Fotografen zu unwissenden Komplizen einer begrifflichen Revolution machte, deren Tragweite sie selbst nicht überblickten.

Die erkennungsdienstliche Fotografie etablierte sich bereits 1843-1857 als Disziplinartechnologie und bewies die operative Dimension des Mediums jenseits ästhetischer Kategorien. Alphonse Bertillons anthropometrisches Verfahren ab 1879 zeigte exemplarisch, wie fotografische Indexikalität zur biopolitischen Grundlage staatlicher Machtausübung werden konnte – ein Apparat der Erfassung und Kontrolle, der seine Operateure zu Agenten einer Überwachungslogik machte, die sie nicht durchschauten. Hier materialisierte sich Jeremy Benthams panoptische Vision einer kalkulierten Blickökonomie, die natürliche Gemeinschaftsbindungen durch algorithmisierte Steuerungsmechanismen ersetzte und dabei den Grundstein für eine utilitaristische Gesellschaftsmaschine legte, die menschlicher Solidarität misstraute und si