An unser deutsches Volk
(1820)
Vorwort
Dieser Text ist ein Zeugnis tiefster pädagogischer Überzeugung und zugleich ein Aufruf an das deutsche Volk, sich seiner geistigen und sittlichen Verantwortung bewusst zu werden. Entstanden in einer Zeit des Umbruchs und der Neuorientierung, spricht hier eine kleine Gemeinschaft von Menschen, die sich der Erziehung als dem höchsten und heiligsten Werk menschlicher Tuns verschrieben hat.
Was in diesen Zeilen zum Ausdruck kommt, ist nicht bloß ein pädagogisches Programm, sondern ein Lebensentwurf: Die Erziehung des Einzelnen soll zugleich der Erziehung des Volkes dienen. Die Familie, der Stand, das Vaterland und das Volk werden als ineinander verwobene Kreise verstanden, in denen sich das Menschliche entfaltet und in denen Erziehung als verbindende Kraft wirkt.
Die Verfasser sprechen aus der Erfahrung gemeinsamer Arbeit, aus der Tiefe gelebter Überzeugung und aus dem Vertrauen in die göttliche Ordnung, die allem menschlichen Streben Richtung und Sinn verleiht. Ihre Worte sind getragen von einem hohen Ernst, von Liebe zum Menschen und von dem Glauben, dass wahre Bildung nur aus dem lebendigen Wechselverhältnis zwischen Gott und Mensch hervorgehen kann.
Dieses Schriftstück ist kein flüchtiger Gedankengang, sondern ein Fundament. Es ist eine Einladung zur Prüfung, zur Mitwirkung und zur Erneuerung – für jeden, der sich als Teil des deutschen Volkes versteht und bereit ist, an dessen geistiger und sittlicher Hebung mitzuwirken.
Möge dieser Text auch heute noch jene berühren, die in der Erziehung mehr sehen als bloße Wissensvermittlung – nämlich die Gestaltung des Menschen in seiner ganzen Tiefe und Würde.
An unser deutsches Volk
(Friedrich Fröbel, Keilhau 1820)
Aus einem unbekannten Punkt, aus einem kleinen, verborgenen Tal unseres gemeinsamen Vaterlandes redet eine kleine Gesellschaft von Menschen, welche Glieder von nur wenigen Familien, sämtlich Deutsche sind, zu euch.
Sie sind Glieder aller Familienverhältnisse: Sie sind Vater, Mutter, Eltern; sie sind Bruder, Schwester, Geschwister; sie sind Verwandte und Freunde. Vater- und Mutter-, Bruder- und Schwester-Sinn und -Liebe, Liebe zu den Verwandten und Sinn für Verwandtschaft, Freundesherz, Liebe zu den Freunden verknüpfen sie – und verknüpfen sie seit Langem.
In verschiedenen deutschen Landschaften, in drei deutschen Gebirgsregionen wurden sie geboren und erzogen; aber eine Liebe vereinte sie: die Liebe zum Menschen, zur Ausbildung und Darstellung des Menschlichen, der Menschheit im Menschen.
Da diese Liebe echt, lauter und rein war, konnte sie in keinem Streben, in keinem Zweck entsprechender, umfassender und genügender hervortreten, sich gegenseitig betätigen, als im Wirken für gegenseitige Erziehung – in gegenseitiger Erziehung, in gegenseitig vereinter Tätigkeit für diesen Zweck.
Lange schon hatte in allen dieses Bedürfnis, teils in Beziehung auf sich, teils in Beziehung auf die, welche Gott ihnen schenkte und mit welchen Gott sie durch das Blut verband, gelebt.
Seit Langem hatten einige die Bedingungen dazu unter den mannigfachsten, entgegengesetztesten Verhältnissen in sich bearbeitet und sich anzueignen gesucht, bis endlich das gemeinsame Bedürfnis sich