Kapitel 1 – Die Stadtschreiberin
Der Winter in Schwaan hatte sich wie eine zweite Haut über die Stadt gelegt, rau und unnachgiebig, und jeder Schritt auf den gefrorenen Wegen klang, als würde man auf alten Knochen laufen. Friederike Lenz zog den Mantel enger um sich, doch die Kälte kroch durch jeden Stoff, sie kannte keine Scham, kein Halten.
Der Atem der Menschen stand in weißen Wolken über den Gassen, so dicht, dass man manchmal meinte, die Stadt selbst atme müde aus. Es war das Jahr 1919, und nichts war, wie es gewesen war. Männer waren verschwunden in den Schützengräben, einige in Erde, andere in Fremde, und jene, die zurückkamen, hatten Blicke, die nicht mehr ganz hier waren.
Friederike war dreiundzwanzig, Tochter eines verstorbenen Lehrers, und hatte das Glück – oder das Schicksal – eine saubere Schrift zu besitzen. In Zeiten, in denen es kaum Papier gab, war eine ordentliche Hand kostbarer als Silber. So hatte man sie, ganz ohne Wahl, zur Protokollführerin gemacht, zur Stadtschreiberin, wie die Leute bald sagten. Niemand hatte sie gefragt, ob sie das Amt wollte, aber sie hatte auch nicht widersprochen. Denn Schweigen war in Schwaan nicht nur Zustimmung, sondern auch Schutz.
Jeden Morgen ging sie die schmale Treppe zum Ratszimmer hinauf, dem kleinen, zugigen Raum über dem Rathausbogen. Die Balken knarrten, als trügen sie nicht nur das Dach, sondern auch die Last der Jahre. Ein großer Eichentisch stand darin, ein paar wacklige Stühle, und ein eiserner Ofen, der mehr Qualm als Wärme spendete. Oft musste sie die Tintenfässer nah an ihre Brust halten, damit die Flüssigkeit nicht zu Eis erstarrte. Und während draußen die Händler auf dem Marktplatz knurrend über Preise stritten – Rüben gegen Kohle, Ziegel gegen Stroh –, kratzte sie ihre Feder über das Papier und hielt fest, was die Männer des Rates in den Nebel hinein beschlossen.
Doch in Wahrheit, und das spürte sie schon nach den ersten Sitzungen, waren es keine Beschlüsse, die sie schrieb, sondern ein Geflecht aus Hoffnungen, Misstrauen un