: Herold zu Moschdehner
: Als ein Bleßhuhn Bürgermeister von Schwaan war Chronik einer ungewöhnlichen Stadt im Jahr 1919
: Books on Demand
: 9783695108664
: 1
: CHF 3.90
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 96
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Im Jahr 1919 steht die kleine Stadt Schwaan vor dem Nichts. Inflation, Hunger und Misstrauen bedrohen den Alltag, als die Bürger ein außergewöhnliches Symbol wählen, um Vertrauen zurückzugewinnen: ein Bleßhuhn mit weißer Stirn. Was als Notlösung beginnt, wächst zu einer Bewegung, die den Spott der Nachbarn übersteht und die Gemeinschaft von innen stärkt. Der Roman erzählt von Friederike Lenz, der Stadtschreiberin, die das Amt des Vogels mit Worten trägt, von den Zweiflern und Spöttern, die am Markt lärmen, von den Alten, die mahnen, und den Jungen, die hoffen. Es ist die Chronik einer Stadt, die sich in absurden Zeiten nicht verliert, sondern eine Wahrheit entdeckt: manchmal kann das Kleinste am meisten zusammenhalten. Mit großer erzählerischer Kraft und poetischer Bildsprache entsteht ein Roman über Vertrauen, Ordnung und das Wunder, das selbst in den dunklen Jahren des Umbruchs leuchten konnte.

Herold zu Moschdehner, geboren 1963 in Mecklenburg, lebt nach Jahren des Reisens heute wieder in Norddeutschland. Er hat sich als Chronist und Erzähler von ungewöhnlichen historischen Stoffen einen Namen gemacht. Besonders interessieren ihn die kleinen Orte und ihre oft übersehenen Geschichten, in denen sich große Zeiten im Kleinen spiegeln. Moschdehner veröffentlichte zahlreiche kulturhistorische Essays und Romane, stets mit einem feinen Gespür für das Poetische im Alltäglichen. Mit"Als ein Bleßhuhn in Schwaan Bürgermeister wurde" legt er sein bisher eindringlichstes Werk über die Kraft der Gemeinschaft vor.

Kapitel 1 – Die Stadtschreiberin


Der Winter in Schwaan hatte sich wie eine zweite Haut über die Stadt gelegt, rau und unnachgiebig, und jeder Schritt auf den gefrorenen Wegen klang, als würde man auf alten Knochen laufen. Friederike Lenz zog den Mantel enger um sich, doch die Kälte kroch durch jeden Stoff, sie kannte keine Scham, kein Halten.

Der Atem der Menschen stand in weißen Wolken über den Gassen, so dicht, dass man manchmal meinte, die Stadt selbst atme müde aus. Es war das Jahr 1919, und nichts war, wie es gewesen war. Männer waren verschwunden in den Schützengräben, einige in Erde, andere in Fremde, und jene, die zurückkamen, hatten Blicke, die nicht mehr ganz hier waren.

Friederike war dreiundzwanzig, Tochter eines verstorbenen Lehrers, und hatte das Glück – oder das Schicksal – eine saubere Schrift zu besitzen. In Zeiten, in denen es kaum Papier gab, war eine ordentliche Hand kostbarer als Silber. So hatte man sie, ganz ohne Wahl, zur Protokollführerin gemacht, zur Stadtschreiberin, wie die Leute bald sagten. Niemand hatte sie gefragt, ob sie das Amt wollte, aber sie hatte auch nicht widersprochen. Denn Schweigen war in Schwaan nicht nur Zustimmung, sondern auch Schutz.

Jeden Morgen ging sie die schmale Treppe zum Ratszimmer hinauf, dem kleinen, zugigen Raum über dem Rathausbogen. Die Balken knarrten, als trügen sie nicht nur das Dach, sondern auch die Last der Jahre. Ein großer Eichentisch stand darin, ein paar wacklige Stühle, und ein eiserner Ofen, der mehr Qualm als Wärme spendete. Oft musste sie die Tintenfässer nah an ihre Brust halten, damit die Flüssigkeit nicht zu Eis erstarrte. Und während draußen die Händler auf dem Marktplatz knurrend über Preise stritten – Rüben gegen Kohle, Ziegel gegen Stroh –, kratzte sie ihre Feder über das Papier und hielt fest, was die Männer des Rates in den Nebel hinein beschlossen.

Doch in Wahrheit, und das spürte sie schon nach den ersten Sitzungen, waren es keine Beschlüsse, die sie schrieb, sondern ein Geflecht aus Hoffnungen, Misstrauen un