Die Kurschatten-Prüfung in der Holsteinischen Schweiz
„Ich bin kein kalter, stacheliger Stein, ich bin nur ein Mann.“
(Witiko)
Seine Rehabilitation in der Holsteinischen Schweiz in Bad Segeberg
Obwohl sich die Rehabilitationsklinik nicht unmittelbar am Meer befand, lag sie doch weit genug weg von Pirmasens und nahe der Winnetou-Stadt Bad Segeberg, eingebettet in die malerische Landschaft der Holsteinischen Schweiz.
Lange hatte er sich danach gesehnt, für eine gewisse Zeit wieder ans Meer zu kommen; fast 30 Jahre waren vergangen, seit er als Junge zum ersten Mal die adriatische Küste im damaligen Jugoslawien erblickte und staunend das glitzernde Wasser vor der Stadt Rijeka aus dem Bus heraus sah. Bei seelischen Störungen klemmt der Fahrstuhl zwischen Gefühl und Verstand, Emotionen und Kognitionen, Limbischen System (Gefühlszentrum) und Großhirnrinde (Zentrum des rationellen Denkens)“, erklärt man im Fachjargon.
Mit diesem Gepäck im Kopf machte sich Witiko an einem schönen Septembertag mit dem Auto auf den Weg zur Entgiftung seiner Gefühle und seiner apokalyptischen Reiter – sprich eher destruktiven Gedanken – nach Bad Segeberg, um letztlich seinen gestoppten Lustverlust wieder in einen Lustgewinn zu verwandeln. So sehr hatte er sich diesen Aufenthalt fernab seines gewohnten Umfelds im Norden der Republik gewünscht, dort, wo er unvoreingenommen die Möglichkeit hatte, seelenverwandte Menschen zu treffen, die ähnliche Leiden durchgemacht hatten wie er.
Dort war er auch so nah am Meer, das bekanntlich Glück für alle Menschen bedeutete, wenn die Sonne schien. Witikos umfangreicher Behandlungsplan für Körper, Geist und Seele gab ihm den nötigen Antrieb, um seine Gesundung voranzutreiben und sein Selbstwertgefühl letztlich angstfrei und hemmungslos zur Geltung bringen zu können, so wie er es in Brasilien zeitweise gelernt, gefeiert, gelebt und geliebt hatte.
Bei den Buffets morgens, mittags und abends stellte sich wieder ein echter Appetit ein, sodass ihm die Gewichtszunahme von zwei Kilogramm kein schlechtes Gewissen bereitete. In der Atemtherapie lernte er erneut, bewusster auf seine Atmung zu achten und mit der „Lippenbremse“ kontrollierter auszuatmen – was sich im Bauch, im Sonnengeflecht und in der Brust angestaut und verknotet hatte. Während der Vortragsreihe „Was ist Psychosomatik?“ wurde ihm bewusst, dass Kränkungen zur Erkrankung der Seele (Psyche) führen können und diese Erkrankung wiederum die Kränkung verstärken kann. Trotz seines allmählichen Lust- und Energiegewinns spürte er jedoch weiterhin den Schmerz seines gebrochenen Herzens voller vernarbter Risse.
Immer wieder kam ihm die klassische Szene in den Sinn, in der William Shakespeare in Macbeth (3. Szene des 4. Aufzuges) Malcolm zu Macduff sagen lässt: „Gib Worte deinem Schmerz: Gram, der nicht spricht, presst das beladene Herz, bis dass es bricht.“ In seiner wöchentlichen Einzeltherapiestunde wurde ihm von seinem Therapeuten zum ersten Mal klar gemach