3 Valentin
Morgens nehme ich den Bus um sieben-fünf-unddreißig, wenn ich die erste Stunde habe. Der Bus ist halb voll, ich finde immer einen Sitzplatz. Morgens bin ich wach und beobachte gern die Leute. Schräg gegenüber von mir sitzt eine schwarze Frau, füllig, mit hochgestecktem Haar. Eine Polynesierin, erkenne ich, deutliche Unterschiede in den Gesichtszügen zu Afrikanern. Sie trägt ein farbenfrohes Stretchkleid, in dem man jedes Fettpolster sieht.
Irgendwie sympathisch. Sie hält einen Einkaufskorb auf dem Schoß, fährt wohl zum Wochenmarkt in die Stadt.
Als sie wie ich am Busbahnhof aussteigt, bin ich direkt hinter ihr. Sie wuchtet ihre Pfunde die Stufen hinunter und aus der Tür, und ich rieche aufdringliches Deo und Kokosöl.
Ein Hauch von Exotik am nüchternen Morgen. Wie ich hinter ihr hergehe in die Altstadt hinein durch das Tübinger Tor, wünschte ich einen Augenblick lang, wir wären in Sydney oder Hawaii ausgestiegen und gingen gemeinsam zum Strand oder in einen Botanischen Garten. Hibiskus, Bougainvilleen, Frangipani. Eine Blüte hinters Ohr geklemmt. Ein Holzhaus am Strand unter Palmen. Hängematte und eine Brise vom Meer.
Das Thema Tourismus nehmen wir auch noch durch.
Es ist merkwürdig, denke ich. Trotz aller Wissenschaftlichkeit habe ich mir irgendwie ein naives Bild von der Welt bewahrt. Der großen, weiten, bunten Welt. Vielleicht aus der Kindheit. Die Welt ist – obwohl ich weiß, dass es keine Paradiese mehr gibt und womöglich nie gegeben hat – für mich noch ein Ort der Wunder.
Als ich mich der Schule näher