Samstag, 4. Mai
Der letzte Sonnenstrahl hatte die Straße zum Penser Joch vor mehr als einer halben Stunde erreicht. Jetzt lag die Passstraße größtenteils im Schatten. Schnell wurde es immer kälter. Fast schon eisig. Der auffrischende Wind tat sein Übriges.
Die dunkle Gestalt zog den Reißverschluss ihrer Jacke bis unters Kinn hoch. Gebückt huschte sie am Straßenrand umher.
Die Straße mit ihren Kurven und Kehren zählte zu den Attraktionen bei Motorradfahrern und Fahrradfahrern. Von den Drahtesel-Besitzern kamen von Jahr zu Jahr immer mehr. Die meisten kurbelten mit Elektrohilfe den Berg hoch. Fraglos war die SS508, wie die offizielle Bezeichnung der Staatsstraße lautete, nur der erste Leckerbissen für Biker, wenn sie Südtirol vom Brenner her erreicht hatten.
Die Gestalt bugsierte etwas Schweres von der Seite in Richtung Fahrbahn. Zwei, drei Stöße noch mit dem Fuß, und dieses Etwas verkeilte sich am Pfosten einer Leitplanke, die dort zu Beginn der Kurve für die Sicherheit sorgte. Der Wind wehte der Gestalt ein gemurmeltes »Ihr werdet es noch alle spüren« zu. Ein letzter Tritt, ein kurzes Ruckeln mit den Händen. Jetzt schien die Gestalt zufrieden. Ihr Blick wendete sich nach links den Berg hoch. Es würde sicherlich jemand kommen. Wenn nicht heute Abend, dann morgen früh. Ein letztes Mal versicherte sie sich, dass alles so war wie geplant. Sie legte den Kopf in den Nacken. Dünn waren die ersten Sterne zu sehen. Da war sie wieder, diese Stimme.
Oh, immer dieses Flüstern.
Gut fünfundvierzig Kilometer Luftlinie entfernt oder hundertzwölf Straßenkilometer, in Natur