: Oliver Kirchhof
: Resonanzzonen Eine psychologische Landkarte des Selbst- und Fremdkontakts im Alltag
: Books on Demand
: 9783695786756
: 1
: CHF 8.80
:
: Angewandte Psychologie
: German
: 438
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Resonanzzonen beginnt mit einer vertrauten Frage: Wie kann Nähe gelingen, ohne dass ich mich verliere? Und wie kann Distanz schützen, ohne dass ich innerlich verschwinde? Viele Menschen kennen beides. In manchen Beziehungen passen wir uns so stark an, dass wir uns selbst kaum noch spüren. In anderen ziehen wir uns zurück, werden still oder kühl und wundern uns, warum Verbindung nicht mehr entsteht. Und manchmal halten wir Autonomie so konsequent hoch, dass niemand mehr wirklich an uns herankommt. Dieses Buch nimmt Nähe und Distanz nicht als Gegensätze auf einer Linie, sondern als Zusammenspiel zweier unabhängiger Dimensionen. Daraus entsteht eine Landkarte, auf der sich typische Muster erkennen lassen. Rückzug. Zu viel Anpassung. Starke Autonomie. Und jene resonanten Momente, in denen Selbsttreue und Verbundenheit gleichzeitig möglich werden. Anhand vieler Beispiele aus Partnerschaft, Freundschaft, Familie und Arbeit zeigt Oliver Kirchhof, wie diese Muster entstehen, welche Schutzlogiken sie stabil halten und welche kleinen, realistischen Bewegungen helfen können, wieder häufiger in lebendigen Kontakt zu finden.

Dr. Oliver Kirchhof ist Psychologischer Psychotherapeut (Verhaltenstherapie) und führt seit über zwanzig Jahren eine eigene Praxis in Köln. Seine wissenschaftlichen Wurzeln liegen in der Motivationspsychologie, in deren Kontext er mehrere Publikationen veröffentlicht hat. In seiner Arbeit kreist vieles um eine einfache, weitreichende Frage: Was will ich? Und was will die Welt von mir? Er versteht sie als eine Grundfrage menschlicher Selbststeuerung, die weit über Beziehungen hinausreicht.

Kapitel 2 Wie die innere Welt sozial entsteht


Wie entsteht aus Begegnungen eine innere Stimme und aus Momenten eine dauerhafte Bedeutung? Dieses Kapitel zeigt an einer Szene, wie sich Beziehungserfahrungen zu inneren Landkarten verdichten: nicht spektakulär, sondern durch Wiederholung, Atmosphäre und feine Abstimmung. Wer versteht, wie Bedeutung zwischen Menschen entsteht, versteht auch, warum Resonanz nicht Technik ist, sondern ein Geschehen. Beginnen wir mit Emilia und den Schallplatten.

2.1 Emilia und die Schallplatten

Emilia stand an einem frühen Samstagmorgen vor dem alten Plattenregal. Die Wohnung war noch halbdunkel, der Wasserkocher summte in der Küche, und die Stille hatte jene seltene Qualität, in der Dinge wieder zu sprechen beginnen.

Ein feiner Staubfilm lag auf manchen Hüllen, andere glänzten an den Rändern, dort, wo sie früher immer wieder aus dem Regal gezogen worden waren. Ihre Hand glitt suchend über die schmalen Rücken, als würde sie nicht nach Musik greifen, sondern nach einer Stimmung, die sie noch nicht benennen konnte.

Sie zog eine Platte heraus, die sie seit Jahren nicht mehr gehört hatte. Das Cover war an den Ecken eingerissen, die Farben leicht verblasst. Als sie den Karton öffnete, knisterte die Innenhülle leise, dieses spröde Rascheln, das nur alte Schallplatten haben, wenn eine frühere Zeit sich kurz meldet, bevor sie wieder im Regal verschwindet.

Noch bevor die Nadel die Rille berührte, war etwas anderes da: ein Ziehen in der Brust, aufsteigende Bilder, die mit der Musik nur am Rand zu tun hatten.

Das Wohnzimmer ihrer Eltern. Der schwere Plattenspieler auf dem Sideboard. Ihr Vater, der mit der Hülle in der Hand in der Tür stand und fragte, ob er „das gute Stück“ jetzt wirklich nochmal auflegen solle. Die Art, wie er dabei lächelte, halb ironisch, halb zärtlich.

Emilia stellte die Platte auf den Tisch und merkte, dass ihre Erinnerung keinen klaren