Wie alles begann: Das Experiment
Chills& Martins war eine Agentur, die alles konnte. Zumindest behauptete sie es – und das mit der lässigen Selbstverständlichkeit eines Unternehmens, das seine Skrupel schon vor Jahren in einer gut organisierten internen Entsorgungsmaßnahme hatte verschwinden lassen.
„Wir schaffen Überzeugung, wo Argumente versagen.“
Dieser Satz glänzte auf ihrer Website direkt unter dem Firmenlogo: eine goldene Spirale, die ein wenig nach Esoterik aussah und ein wenig nach Hypnose – was, streng genommen, für ihre Arbeit kaum einen Unterschied machte.
Bekannt geworden waren sie vor allem durch die Kampagne„Mehr Vertrauen durch weniger Kontrolle“ – das legendäre Experiment von Ochtendung, einer Eifelgemeinde mit gut fünftausend Seelen und – laut Prospekt – „einer Kriminalitätsrate knapp über null, aber schon wieder unterhalb dessen, was Statistiker als messbar bezeichnen.“ Der Clou: Dort gab es keine Gesetze. Nicht ein einziges. Keine Polizeiverordnung, kein Paragraphenschild im Rathausflur, nicht einmal ein stapelbares Regelwerk im Archiv.
Kriminologen zerbrachen sich die Köpfe. Die einen witterten geheime Drohnen, die anderen halluzinogene Mineralquellen der vulkangeprägten Landschaft um Ochtendung.
Die Lösung war banaler: die Goldene Regel.
C&M hatte den Menschen schlicht beigebracht, einander so zu behandeln, wie sie selbst behandelt werden wollten – und zwar nicht als Moralpredigt, sondern als Lifestyleangebot. Einsicht statt Sanktionen. Kooperation statt Zwang. Freiheit durch Verantwortung.
Die Idee stammte von Philippe Deflandre, einem Mann, der nicht etwa zu wenig Geduld für Demokratie hatte,