: Arno Becker
: Ooochtendung, mon amour Die Goldene Regel als globales Betriebssystem
: Books on Demand
: 9783695793693
: 1
: CHF 7.00
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 152
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Ochtendung in der Vor-Eifel, mit der Burg Wernerseck: ein Dorf, in dem große Politik auf Provinz trifft. Der wohlhabende Philippe Deflandre startet dort ein Sozialexperiment und erhebt die Goldene Regel zum Maßstab des Zusammenlebens:"Was du nicht willst, das man dir tu." Zumindest in diesem Mikrokosmos scheint es zu funktionieren. Reale Ochtendunger Bürger begegnen erfundenen Figuren - vertraut und fremd zugleich. Eine Israelin und eine Palästinenserin pflegen eine unerwartete Freundschaft, eine ehemalige Bürgermeisterin, eine PR-Strategin und mittendrin der aktuelle Bürgermeister Mo Bashar- syrischer Flüchtling aus Aleppo und scharfer Beobachter menschlicher Widersprüche. Zwischen Friedenssehnsucht und Aufrüstungsrealität wird die gut gemeinte Kampagne"70 Gründe für die Bundeswehr" zum Dorfgespräch - und zur Zumutung. Warum kehrt der Satz Nie wieder Krieg immer wieder zurück?

Arno Becker hat drei Kinderbücher mit pädagogischem Anspruch geschrieben ("Die fünf Müllerjungs"), gedacht weniger zum Vorlesen als zum kommunikativen Ins-Bett-Bringen mit aufmerksamen Zwischenfragen. Dann folgten zwei Biografien, aber nicht über sein eigenes Leben. Vielmehr hat Becker seine Stimme bzw. seinen Stift den Protagonisten geliehen: Es geht um DEREN Leben, geschildert aus Beckers Feder:"Wie ein Schmetterling - Mein Weg aus dem Kokon der Traditionen" (über eine zwangsverheiratete Marokkanerin) und"Fast das Leben verpennt - Einblicke in das Leben eines Koblenzer Obdachlosen". Es folgte ein nachdenklicher, dennoch humorvoller politischer Roman, der eine Rückschau aus dem Jahr 2071 auf die davorliegenden 48 Jahre bietet:"Blick zurück aus der Zukunft". Das, was die einen hoffen, die anderen fürchten. Schließlich erschien 2025 ein Buch, in dem Gott selbst zum Autor wird."Guck mir in die Karten", geschrieben von einem humorvollen, nicht existierenden Gott, der trotzdem alles gesehen hat. Nicht nur für Atheisten, nicht verletzend für Gläubige.

Wie alles begann: Das Experiment


Chills& Martins war eine Agentur, die alles konnte. Zumindest behauptete sie es – und das mit der lässigen Selbstverständlichkeit eines Unternehmens, das seine Skrupel schon vor Jahren in einer gut organisierten internen Entsorgungsmaßnahme hatte verschwinden lassen.

„Wir schaffen Überzeugung, wo Argumente versagen.“

Dieser Satz glänzte auf ihrer Website direkt unter dem Firmenlogo: eine goldene Spirale, die ein wenig nach Esoterik aussah und ein wenig nach Hypnose – was, streng genommen, für ihre Arbeit kaum einen Unterschied machte.

Bekannt geworden waren sie vor allem durch die Kampagne„Mehr Vertrauen durch weniger Kontrolle“ – das legendäre Experiment von Ochtendung, einer Eifelgemeinde mit gut fünftausend Seelen und – laut Prospekt – „einer Kriminalitätsrate knapp über null, aber schon wieder unterhalb dessen, was Statistiker als messbar bezeichnen.“ Der Clou: Dort gab es keine Gesetze. Nicht ein einziges. Keine Polizeiverordnung, kein Paragraphenschild im Rathausflur, nicht einmal ein stapelbares Regelwerk im Archiv.

Kriminologen zerbrachen sich die Köpfe. Die einen witterten geheime Drohnen, die anderen halluzinogene Mineralquellen der vulkangeprägten Landschaft um Ochtendung.

Die Lösung war banaler: die Goldene Regel.

C&M hatte den Menschen schlicht beigebracht, einander so zu behandeln, wie sie selbst behandelt werden wollten – und zwar nicht als Moralpredigt, sondern als Lifestyleangebot. Einsicht statt Sanktionen. Kooperation statt Zwang. Freiheit durch Verantwortung.

Die Idee stammte von Philippe Deflandre, einem Mann, der nicht etwa zu wenig Geduld für Demokratie hatte,