Es gibt diesen ersten Moment nach dem Abschied, der sich anfühlt, als würde die Zeit kurz stolpern. Die Tür ist längst geschlossen, die Schritte im Treppenhaus verklungen, und doch steht die Welt noch genauso da wie vorher. Die Möbel, das Licht, der Geruch im Raum, alles bleibt, wie es immer war, nur etwas Unsichtbares fehlt, etwas, das bis eben noch selbstverständlich da gewesen ist. Sie stand in der Küche und hielt eine Tasse in der Hand, die sie irgendwann eingegossen hatte, ohne sich zu erinnern, wann. Der Kaffee war längst kalt, doch sie bemerkte es kaum, weil sich in ihr ein anderes Klima ausgebreitet hatte, eines, das nicht mehr mit der äußeren Wirklichkeit übereinstimmte.
Verlassen werden ist kein klarer Schnitt, den man sofort erkennt. Es ist eher ein langsames Verschieben der inneren Ordnung, ein leises Auseinanderdriften von dem, was einmal Halt gegeben hat. Die Gedanken versuchen, sich festzuhalten, klammern sich an letzte Sätze, an Blicke, an diese eine Umarmung, die vielleicht schon mehr Abschied als Nähe war und während der Verstand noch sucht, hat der Körper den Verlust längst verstanden. Die Schultern sinken, der Atem wird flacher, der Brustraum eng, als hätte sich dort ein Gewicht niedergelassen, das man nicht abschütteln kann.
Sie setzte sich auf den Boden. Nicht aus Dramatik, sondern weil ihre Beine plötzlich nicht mehr wussten, wie man steht. Der kalte Boden unter ihren Handflächen fühlte sich seltsam tröstlich an, weil er ihr zeigte, dass sie noch da war, dass es noch etwas Festes gab, an dem sie sich orientieren konnte. Draußen sang ein Vogel, irgendwo fuhr ein Auto vorbei, das Leben bewegte sich weiter, und gerade diese Normalität schmerzte, weil sie in keinem Verhältnis stand zu dem Sturm in ihr. Am Anfang glaubt man, dieser Zustand müsse vorübergehen, wenn man nur lange genug wartet, wenn man sich nur genug zusammenreißt, wenn man die richtigen Worte findet, um das Geschehene zu begreifen.
Doch bald wird klar, dass dieser Moment kein Durchgang ist, sondern der Beginn eines neuen Weges, eines Weges durch ein unbekanntes inneres Land, in dem man lernen muss, mit der Abwesenheit zu leben. Niemand kommt zurück, um das zu reparieren, was zerbrochen ist, und genau dort, in dieser schmerzhaften Wahrheit, beginnt die eigentliche Reise.
Der erste Morgen danach fühlt sich an, als wäre man in einem falschen Leben aufgewacht. Alles steht noch dort, wo es immer stand, die Kaffeetasse auf der Anrichte, die Jacke am Haken, die Uhr an der Wand, und doch ist nichts mehr richtig. Man bewegt sich durch diese Stunden wie durch fremde Räume, in denen man eigentlich nicht wohnen sollte. Sie ging durch die Wohnung, berührte die Möbel, die Pflanzen, den Türrahmen, als müsste sie sich vergewissern, dass die Welt noch Substanz hatte. Der Körper tat seine Arbeit, machte Kaffee, zog sich an, öffnete das Fenster, aber innen war alles auf Pause gestellt, als hätte jemand die Verbindung zur eigenen Seele