: Oliver Elsner
: Menschliches Versagen Erzählungen von Erde 442
: Books on Demand
: 9783695793303
: 1
: CHF 7.00
:
: Horror
: German
: 246
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Mystisch, grimmig - vor allem menschlich geht es zu. In 9 Kurzgeschichten nimmt Sie Guhlrich mit auf eine Reise in die tiefsten Schluchten der menschlichen Seele. 1. Die Frau vom Fenster Nach Jahren im Ausland kämpft ein junger Mann mit der Monotonie in der heimatlichen Kleinstadt. Einziger Lichtblick: Die hübsche Nachbarin, mit der sich im Laufe der Tage ein ganz besonderer Fensterflirt ergibt, der unter die Haut geht. 2. Casino Serenade Die ruhmreichen Tage eines Sängers sind lange vorbei. Auf einer kleinen Bühne in Las Vegas kämpft er allabendlich um die Gunst desinteressierter Zuhörer. Zumindest bis zu jenem Abend, als er einer jungen Künstlerin begegnet., die auf wundersame Weise das Herz berührt. 3. Pruritus Von Neugier gepackt macht sich ein Wissenschaftler auf, um einem seiner ehemaligen Experimente auf den Grund zu gehen. Psychisch stark gebeutelt, setzt er sich über alle Rückschläge hinweg, um die Veröffentlichung eines Präparates zu verhindern. 4. Für immer und nimmer'Bis dass der Tod uns scheidet' hat für den Liebenden in dieser Geschichte keine Bedeutung. Eine Seele zu finden, die ebenso stetig wiederkehrt, war sein größtes Glück. Und sein größtes Unglück, als ihre Wiederkehr ausblieb. 5. Das Versteck Ein Inspektor sieht seinen Ruf gefährdet, als ein ehemaliger Verklagter um seine Hilfe bittet. Er wird verfolgt. Von einer Person, die mehr Informationen zu dem Fall hat. Als ein Mord geschieht, sieht der Inspektor seine Reputation in Gefahr. 6. Die Göttin des Waldes Aufgewacht in einer fremden Welt, ohne Erinnerung. Fremdartige Wesen versorgen ihre Wunden und nehmen sie in ihre Gemeinschaft auf. Warum war sie dort? Und woher kannte sie so wundersame Worte? Die Antworten liegen im Wald. 7. König Sumse Als Eltern hat man im Prinzip zwei Ganztags-Jobs. Ein entnervter Familienvater möchte durch eine Gruselgeschichte die Tochter zur Ordnung bewegen. Wer daraus seine Lehren zieht, bleibt abzuwarten. 8. Das Dilemma der Mainzer Str. 57 Ein Mann möchte seinem armseligen Leben ein Ende setzen. Ein älterer Mann versucht dem verwirkten Dasein Sinn zu verleihen. Wie gut das funktioniert, bleibt ungewiss. 9. Isolation Ein Mann wacht in einem Gefängnis auf. Angeblich soll er eine Frau getötet haben, die er seit vielen Jahren nicht mehr gesehen hatte. Ein inhaftierter Junge in der Zelle nebenan lässt ihn die Legitimation dieser Einrichtung stark anzweifeln. Packende Schicksale, unerwartete Wendungen und schockierende Auflösungen erwarten Sie.

Guhlrich, geboren und aufgewachsen in Rheine, NRW, hat sich schon früh für das Dunkle, Makabre und Mysteriöse begeistern können. Ob nun Jonathan Frakes bei der Präsentation unfassbarer Geschichten folgend oder die Nase tief in ein Werk von Stephen King steckend - für den jungen Kerl war klar, dass zwischen Himmel und Erde mehr existierte, als uns der Alltag glauben ließ. Eine Erkenntnis, die sich durch seine Auslandaufenthalte erheblich vertiefen sollte. Irische Folklore zog ihn in seinen Bann, bot Stoff für die eigene Kreativität. Auf seinen Reisen begegnete er erstaunlichen Persönlichkeiten - und erfuhr mehr über die unterschiedlichen Facetten des Menschsein. Erst in Schweden machte er sich mit den Werken von H.P. Lovecraft vertraut. Wie kaum ein zweiter schaffte er das Natürliche mit Übernatürlichen zu verbinden. All das war spannend, doch fehlte Guhlrich eine philosopische Komponente, die er seinem eigenen Wirken voraussetzte. So entstand"Menschliches Versagen - Erzählungen von Erde 442": Ein Werk, das den Alltag in ein neues Licht rückt. Das ein Weltbild etabliert, nur um es im nächsten Moment den Flammen der Unvorstellbarkeit zum Fraß vorzuwerfen.

Casino Serenade


Es war ein Tag wie jeder andere. Man könnte glauben, dass sich nach einigen Jahren eine Veränderung einschleichen würde. Das mochte auch für die ersten vierzig Jahre meines Lebens gegolten haben. Geben wir uns jedoch nicht der Illusion hin, dass sich ein Leben dauerhaft auf Hochglanz polieren ließe.

Ich versuchte es dennoch notdürftig. Wie an jedem Abend unter der Woche befreite ich meinen schwarzen Smoking von Fusseln. Routiniert fuhr ich mit dem Abroller den Jackettrücken ab, als sich die Tür meiner Umkleide öffnete. Nur kurz steckte er den Kopf in den einer Abstellkammer ähnelnden Raum, seine Worte knapp und auf den Punkt formuliert.

„Dein Auftritt wurde gekürzt.“

Von sechzig Minuten Blues blieb mir noch gut die Hälfte. Dass dies nur die Hälfte an Gage bedeutete, störte mich kaum.

Wehmütig dachte ich an jene glanzvollen Tage zurück, als ich ein begeistertes Publikum durch den gesamten Abend führen durfte. Damals war meine Garderobe größer gewesen, ähnlich dem Dauerfeuer der Verehrerinnen, dem die Tür ausgesetzt war. Meinem Agenten war dies Grund genug gewesen, dort eine Sicherheitskraft zu platzieren.

Später fand er kaum noch Gründe,mich zu platzieren. Immer größer wurden die Abstände zwischen seinen Anrufen, während sie zwischen den Whiskeys immer mehr abnahmen.

Es ließ sich nicht länger abstreiten: Meinen Zenit hatte ich längst überschritten. Jener begehrte, leicht überhebliche Grünschnabel hatte bereits den Spätherbst eingeläutet. Wie ein verblassendes Abziehbild musste ich mir eingestehen, dass ich selbst zu jenem alten Eisen abgestempelt war, das ich in jungen Jahren so abschätzig belächelt hatte. Karma kennt im Gegensatz zum menschlichen Dasein kein Ablaufdatum.

Ich versuchte erst gar nicht, meine tiefen Falten mit Make-up zu kaschieren. Der Vorgang würde mehr Zeit benötigen als mein gekürztes Set. Wem sollte ich zudem etwas vormachen? Die wenigen Zuschauer, die ich mühevoll vor der Bühne versammelte, waren wenigstens im gleichen Maße mit dem Zahn der Zeit vertraut. Und das Make-up würde bereits nach der ersten gesungenen Zeile wie eine dünne, trockene Erdschicht zerspringen und meine Furchen in einem bizarren Licht erscheinen lassen.

So blieb es bei der Verwendung von Puder. Diese immer weiter fliehende Stirn sollte im Scheinwerferlicht niemanden blenden. Anfangs benutzte ich noch Toupets. Doch seit dem Vorfall mit der Windmaschine … nun, der Rest erklärt sich wohl von selbst.

Aber so ist es nun einmal in Las Vegas. Zeigst du nur einen Moment der Schwäche, zerreißt dich der Strip erbarmungslos. Innerhalb von Stunden fegt es wie ein Lauffeuer durch die Straßen und Geschnatter erfüllt die Spieltische. Du gehörst zu jenen, die einst jemand waren. Deinem aufgeblähten Sunny-Boy-Image geht langsam die Luft aus.

So war es auch mit den Frauen. Mit Anfang zwanzig war Ungebundenheit das Mekka sexueller Freiheit. Seine Schwächen weist diese Taktik erst mit Ende dreißig auf. Die Freiheit, alles tun zu können, wandelte sich in die Erkenntnis, nichts zu tun zu haben. Alleine lässt sich schwer Tandem fahren, Sie verstehen.

Vermutlich wäre es zum damaligen Zeitpunkt noch möglich gewesen, das Ruder herumzureißen. Nur die Verbissenheit, der Irrglaube, dass sich der eigene Stern aus seiner Abwärtsbewegung schleudern ließe, kostete mich wertvolle Jahre.

Jahre, in denen das Bedauern wuchs. Immerhin konnte ich vieles davon durch meinen Gesang kanalisieren.

Doch nicht Kendra. Nein, selbst nach langen Shows und vielen Drinks ließ sich der Selbsthass nicht stoppen. Wie er sich im Epizentrum meines Verstandes festsetzte, einer Spinne gleich, jede noch so kleine Freude in ihrem Netz fangend und unerbittlich verzehrend.

Erst im Nachhinein wurde mir klar, dass Gott sie mit weitaus mehr als nur einem prachtvollen Körper ausge