Casino Serenade
Es war ein Tag wie jeder andere. Man könnte glauben, dass sich nach einigen Jahren eine Veränderung einschleichen würde. Das mochte auch für die ersten vierzig Jahre meines Lebens gegolten haben. Geben wir uns jedoch nicht der Illusion hin, dass sich ein Leben dauerhaft auf Hochglanz polieren ließe.
Ich versuchte es dennoch notdürftig. Wie an jedem Abend unter der Woche befreite ich meinen schwarzen Smoking von Fusseln. Routiniert fuhr ich mit dem Abroller den Jackettrücken ab, als sich die Tür meiner Umkleide öffnete. Nur kurz steckte er den Kopf in den einer Abstellkammer ähnelnden Raum, seine Worte knapp und auf den Punkt formuliert.
„Dein Auftritt wurde gekürzt.“
Von sechzig Minuten Blues blieb mir noch gut die Hälfte. Dass dies nur die Hälfte an Gage bedeutete, störte mich kaum.
Wehmütig dachte ich an jene glanzvollen Tage zurück, als ich ein begeistertes Publikum durch den gesamten Abend führen durfte. Damals war meine Garderobe größer gewesen, ähnlich dem Dauerfeuer der Verehrerinnen, dem die Tür ausgesetzt war. Meinem Agenten war dies Grund genug gewesen, dort eine Sicherheitskraft zu platzieren.
Später fand er kaum noch Gründe,mich zu platzieren. Immer größer wurden die Abstände zwischen seinen Anrufen, während sie zwischen den Whiskeys immer mehr abnahmen.
Es ließ sich nicht länger abstreiten: Meinen Zenit hatte ich längst überschritten. Jener begehrte, leicht überhebliche Grünschnabel hatte bereits den Spätherbst eingeläutet. Wie ein verblassendes Abziehbild musste ich mir eingestehen, dass ich selbst zu jenem alten Eisen abgestempelt war, das ich in jungen Jahren so abschätzig belächelt hatte. Karma kennt im Gegensatz zum menschlichen Dasein kein Ablaufdatum.
Ich versuchte erst gar nicht, meine tiefen Falten mit Make-up zu kaschieren. Der Vorgang würde mehr Zeit benötigen als mein gekürztes Set. Wem sollte ich zudem etwas vormachen? Die wenigen Zuschauer, die ich mühevoll vor der Bühne versammelte, waren wenigstens im gleichen Maße mit dem Zahn der Zeit vertraut. Und das Make-up würde bereits nach der ersten gesungenen Zeile wie eine dünne, trockene Erdschicht zerspringen und meine Furchen in einem bizarren Licht erscheinen lassen.
So blieb es bei der Verwendung von Puder. Diese immer weiter fliehende Stirn sollte im Scheinwerferlicht niemanden blenden. Anfangs benutzte ich noch Toupets. Doch seit dem Vorfall mit der Windmaschine … nun, der Rest erklärt sich wohl von selbst.
Aber so ist es nun einmal in Las Vegas. Zeigst du nur einen Moment der Schwäche, zerreißt dich der Strip erbarmungslos. Innerhalb von Stunden fegt es wie ein Lauffeuer durch die Straßen und Geschnatter erfüllt die Spieltische. Du gehörst zu jenen, die einst jemand waren. Deinem aufgeblähten Sunny-Boy-Image geht langsam die Luft aus.
So war es auch mit den Frauen. Mit Anfang zwanzig war Ungebundenheit das Mekka sexueller Freiheit. Seine Schwächen weist diese Taktik erst mit Ende dreißig auf. Die Freiheit, alles tun zu können, wandelte sich in die Erkenntnis, nichts zu tun zu haben. Alleine lässt sich schwer Tandem fahren, Sie verstehen.
Vermutlich wäre es zum damaligen Zeitpunkt noch möglich gewesen, das Ruder herumzureißen. Nur die Verbissenheit, der Irrglaube, dass sich der eigene Stern aus seiner Abwärtsbewegung schleudern ließe, kostete mich wertvolle Jahre.
Jahre, in denen das Bedauern wuchs. Immerhin konnte ich vieles davon durch meinen Gesang kanalisieren.
Doch nicht Kendra. Nein, selbst nach langen Shows und vielen Drinks ließ sich der Selbsthass nicht stoppen. Wie er sich im Epizentrum meines Verstandes festsetzte, einer Spinne gleich, jede noch so kleine Freude in ihrem Netz fangend und unerbittlich verzehrend.
Erst im Nachhinein wurde mir klar, dass Gott sie mit weitaus mehr als nur einem prachtvollen Körper ausge