: Peter S. Fischer
: Die weiße Rose im Sand Bis der Krieg uns scheidet
: Books on Demand
: 9783695771486
: 1
: CHF 5.00
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: German
: 302
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Was geschieht mit der Liebe, wenn die Welt am Abgrund steht? Ein stiller, eindringlicher Antikriegsroman über Menschen, die im Schatten des drohenden Untergangs versuchen, einander nicht zu verlieren. Ein Garten, ein Hund, eine weiße Rose, kleine Zeichen von Menschlichkeit in einer Zeit, in der Angst und Gewalt alles zu ersticken drohen. Claudia und Horst erleben, wie große politische Entscheidungen unaufhaltsam in ihr kleines, privates Leben eindringen, bis selbst die letzten Stunden keine Zuflucht mehr bieten. Ein Buch über Liebe bis zum letzten Moment. Und über den Frieden, den wir verlieren, wenn wir nicht aufpassen.

Peter S. Fischer Verheiratet. Lebt in Deutschland, Augsburg liebt Tiere, besonders Hunde

Kapitel 11


Ein Netz aus Angst

Die Zeit verging, der Krieg beherrschte das Leben.

Der Herbst kam früh in diesem Jahr. Die Blätter färbten sich kaum, bevor der Regen sie von den Zweigen riss. Es war kühl geworden im Haus, als Horst die Nachrichten einschaltete. Wieder ging es um Krieg, Sanktionen, um Gaslieferungen, um Schuldzuweisungen.

„Die EU hat heute weitere Maßnahmen gegen Russland beschlossen“, verkündete die Sprecherin.

„Zahlreiche Konten eingefroren. Handel mit russischem Öl und Gas wird weiter eingeschränkt.“

Horst schnaubte. „Sanktionen – ja. Und wer zahlt’s am Ende? Wir.“

Claudia trat mit einem dampfenden Tee ins Wohnzimmer. „Hast du das von der Pipeline gehört?

Nord Stream 1 und 2 – beide beschädigt. Explosionen unter Wasser. Sabotage, sagen sie.“

Horst schüttelte den Kopf. „Man hat damals beide Leitungen durch die Ostsee von Russland gelegt.

Keine Alternative, kein Plan B. Alles auf eine Karte gesetzt – wie kann man nur so dumm sein?“

„Und jetzt?“, fragte Claudia mit belegter Stimme.

„Jetzt kommt gar nichts mehr. Das Gas ist weg. Und die Preise gehen durch die Decke.“

„Das ist der eigentliche Wirtschaftskrieg“, brummte Horst.

„Energie als Waffe. Wir schießen mit Sanktionen, und Russland dreht uns den Hahn zu.“

Claudia setzte sich und fröstelte. „Ich hab gestern die Abrechnung gesehen. Die Gasrechnung – fast doppelt so hoch wie letztes Jahr. Wie sollen wir das bezahlen?“

„Die Heizsaison hat noch nicht mal richtig begonnen“, sagte Horst düster. „Und die Politik erzählt uns was von Solidarität und warmen Pullovern.“

Claudia blickte stumm ins Feuer des Holzofens. „Und wenn der nächste Winter noch kälter wird? Wenn das Gas nicht reicht?“

Horst lachte. „Ganz ruhig, Claudia. Wir haben einen Holzofen. Dann heizen wir eben nur noch mit dem Ofen, nicht mehr mit der Fußbodenheizung. Ich habe gesehen, in einem Bauhaus gibt es günstige Briketts.

Da holen wir eben ein paar Kofferräume voll, dann sind wir auf der sicheren Seite.“

Claudia lachte. „Ab ins Auto! Wir kaufen so viel, dass wir keine Angst mehr haben müssen.“

Als sie im Bauhaus waren, schauten sie sich nebenbei Gasgrills an, weil sie gerade im Angebot waren.

„Das wäre auch noch eine Alternative zum Kochen“, sagte Horst, „falls Turov uns mit einem weiteren Anschlag droht und der Strom ausfällt.“

„Dann sind wir auf der ganz sicheren Seite. Und mit Gasgrill kochen oder grillen macht sicher auch noch Spaß.“

Claudia bestand darauf, demnächst so einen Grill anzuschaffen. Horst musste ihn dann natürlich zusammenbauen und gleich testen, was ihm großen Spaß bereitete.

Später nahm er Claudia in den Arm. „Wir haben jetzt genügend Holz. Wenn ich noch welches sehe, wird es sofort ofengerecht zubereitet. Briketts haben wir mehr als genug. Und zu guter Letzt einen Gasgrill. Aber weißt du – dieser Krieg hat uns verändert. Die Angst beherrscht unser Leben. Wir haben Vorräte angelegt, das haben wir sonst nie gemacht.“

Claudia nickte. „Auch die Leute um uns herum haben sich verändert. Früher haben sie dich ausgelacht, wenn du Holz gemacht hast. Jetzt wollen viele in der Wohnanlage einen Ofen wie wir. Der Kaminbauer kommt gar nicht mehr nach. Und die, die zu faul sind, Holz zu machen, behaupten plötzlich, wir wären Schmarotzer, weil wir weniger für die Heizung bezahlen. Aber unsere Arbeit will keiner machen.“

Am Abend liefen in den Nachrichten Bilder von westlichen Panzern, die auf Güterzügen Richtung Osten rollten. Die Ukraine erhielt mehr Waffen, mehr Munition – und mehr Unterstützung aus Europa und den USA.

„Der Westen gießt Öl ins Feuer“, polterte ein Sprecher im russischen Staatsfernsehen. „Russland wird antworten – mit allen Mitteln, die es hat.“

Claudia schaltete den Ton leiser. „Meinst du, der meint Atomwaffen?“

Horst nickte. „Er meint alles. Hyperschallraketen, Atomtorpedos, Poseidon – vielleicht sogar Biowaffen.

Alles, was Angst macht.“

„Und das alles nur, weil wir der Ukraine helfen?“

„Weil wir nicht zusehen wollen, wie ein Land überrollt wird. Aber für Turov ist das ein Krieg gegen Russland.“

Claudia fragte: „Und wenn er wirklich eine Superwaffe einsetzt?“

Horst legte den Arm um sie. „Dann bricht alles zusammen. Aber ich glaube nicht, dass er sich mit der NATO anlegt. Das ist ein Machtspiel – Einschüchterung.“

Für einen Moment war es still. Der Wind peitschte gegen die Fensterläden, als wollte auch er mitreden.

Draußen regnete es in Strömen – und drinnen breitete sich eine bleierne Schwere aus. Angst, stumm und schwer wie Blei.

Claudia blätterte in der Tageszeitung. Auf der Titelseite ein Foto: ein riesiges Spezialschiff, das in einem provisorischen Hafen festmachte.

„Jetzt kommt das Flüssiggas aus den USA und Katar“, sagte sie. „Aber dafür brauchen wir neue Anlegestellen, Terminals, Pipelines – alles muss plötzlich ganz schnell gehen.“

Horst sah sie an. „Und wer zahlt das? Natürlich wieder wir. Das Zeug ist teuer, der Transport erst recht.

Aber das nennt man dann Unabhängigkeit.“

Claudia schimpfte. „Wer zahlt das wieder? Wir kleinen Verbraucher. Die kleinen Unternehmen – Bäcker, Gastronomen – brauchen viel Energie. Sie müssen sie teuer einkaufen und geben es dann an uns weiter. Essen gehen können wir uns bald nicht mehr leisten.“

Horst sagte ernst:

„Der Wirtschaftskrieg ist in vollem Gange – besonders in unserem Geldbeutel.“

Er legte die Zeitung zur Seite. „Wir suchen verzweifelt nach Alternativen. Aber jede Lösung macht’s noch teurer. Erst haben wir uns abhängig gemacht – und jetzt zahlen wir dafür, dass wir’s rückgängig machen.“

Claudia nickte. „Wir haben keine Gaslieferung mehr aus Russland. Also kaufen wir das Gas woanders – doppelt so teuer und dreimal so kompliziert.“

„Und am Ende glauben die Politiker, sie hätten alles im Griff“, murmelte Horst. „Dabei hat der Markt es längst übernommen. Der regelt gerade gar nichts – außer, dass alles den Bach runtergeht und eine Firma nach der anderen pleitegeht.“

In den Wochen danach veränderte sich das Leben weiter – Stück für Stück. Die Preise stiegen. Alles wurde teurer: Strom, Brot, Nudeln, selbst das billigste Öl.

Claudia bemerkte es zuerst beim Einkauf. „Schau dir das an“, sagte sie, als sie einen Liter Olivenöl für 5,99 Euro aus dem Regal nahm. „Letztes Jahr hat das keine zwei Euro gekostet.“

Horst nickte. „Wirtschaftskrieg. Wir bestrafen Russland mit Sanktionen – und bestrafen uns gleich mit.“

Auch an der Tankstelle gab es täglich neue Schocks.

Der Dieselpreis sprang in die Höhe, der Benzinpreis gleich mit. Horst stand ratlos an der Zapfsäule. „Man kann sich kaum noch bewegen, ohne arm zu werden.“

Die Nachrichten sprachen von Entkopplung, von Lieferengpässen, von der Abhängigkeit von China und Russland. Europa solle sich „neu erfinden“, hieß es.

Doch im Alltag bedeutete das: lange Lieferzeiten, leere Regale, hohe Preise.

„Wir sind mitten in einem Wirtschaftskrieg“, sagte Horst. „Nur dass keiner die Waffen sieht. Es ist ein Krieg mit Preisen, mit Märkten, mit Rohstoffen.“

Claudia schaute ihn fragend an. „Und wer gewinnt so einen Krieg?“

„Niemand“, sagte Horst leise. „Aber viele verlieren.

Jeden Tag ein bisschen mehr. Und dazu gehören auch wir.“

Claudia sagte: „Ich habe eine Solaranlage in der Werbung gesehen. Können wir so etwas in den Garten stellen und den Strom in unsere Wohnung einspeisen?“

Horst antwortete: „Mit einer solchen Tafel bekommen wir nicht viel Strom. Und sparen tun wir auch nicht viel. Wenn, dann brauchen wir mindestens zwei – und die sind sehr groß. Ich will die schwarzen Dinger nicht im Garten stehen haben.“

„Aber wenn der Strom wirklich ausfällt, würden doch wenigstens ein paar Geräte laufen“, überlegte Claudia.

„Aber bestimmt nicht die Waschmaschine oder der Kühlschrank“, konterte Horst.

„Du hast recht. Das müssen wir uns gut überlegen.

Vielleicht kommt ja mal etwas Besseres auf den Markt.“

„Überstürzen müssen wir das nicht“, meinte Horst.

„Wir haben vorgesorgt. Wir brauchen momentan keine Angst mehr zu haben.“

Doch unterdessen zeigte Russland erneut, dass es zu weiteren Sabotagen bereit war. Mit seiner Schattenflotte beschädigte es wichtige Unterwasserkabel...