: Stefan Frey
: Das Ende vom Lesen oder die Kunst intelligent zu bleiben
: Books on Demand
: 9783695769308
: 1
: CHF 8.80
:
: Humor, Satire, Kabarett
: German
: 264
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Man erinnert sich: Der neue Papst hat in seiner ersten Ansprache die so genannte Künstliche Intelligenz KI eindrücklich als eine der grössten Gefahren für die Menschheit bezeichnet und ausdrücklich vor den Auswirkungen einer unkontrollierten Anwendung gewarnt. Das ist keine zehn Monate her, aber die Aussage Leos XIV. hat seither nur an Bedeutung gewonnen. Das neue Buch von Stefan Frey ist jedoch keine Enzyklika aus Rom aber nach Kurzgeschichten aus Madagaskar der bis heute fünfte Roman aus Olten: Das Ende vom Lesen oder Die Kunst intelligent zu bleiben. Risiken und Nebenwirkungen der KI im Allgemeinen und für die Literatur im Besonderen prägen der Inhalt. Das Buch könnte aktueller nicht sein. Aufhänger ist die seit Jahren grassierende Krimiseuche. Es gibt ja mittlerweile kein Kaff mehr, das nicht sein eigenes Ermittlerteam hat, alle nach dem ausgeleierten Tatort-Prinzip gestrickt."Wo waren Sie gestern zwischen 20 und 22 Uhr?" Buchhändler entschuldigen sich bereits, wenn sie in ihren Auslagen neben den Lokalkrimis noch ein oder zwei Titel der authentischen Weltliteratur präsentieren. Der durch die Schreibblockade seines besten und einzigen Autors in Not geratene Kleinverleger lässt die erfolgreiche Krimi-Reihe vom Roboter fortschreiben und hat damit Erfolg. Eine frühpensionierte Literaturprofessorin kommt der Sache auf die Schliche. Mit einer jungen Freundin - Frauen- und Kulturbeauftragte der Kleinstadt - und ihrem IT affinen Sohn spannt das Trio schliesslich mit dem leergeschriebenen Autor zusammen. Der Literaturbetrieb mit seinen Tagen und Messen wird aufgeschreckt und aufgemischt. Ein Gratis-Krimi , ein roboro, also ein Roboter-Roman, angesiedelt in der Kryptogeld-Mafia, entlarvt  die KI-Gefahr für die authentische Literatur. Und ganz nebenbei entstehen aus der kleinen Verschwörung auch noch zwei zarte Liebesgeschichten. Der Roman ist eine Realsatire auf den Literaturbetrieb und dessen Versuchungen mit der Künstlichen Intelligenz. Schliesslich darf man auch mit todernsten Themen zuweilen Spass machen und haben. Nur nebenbei: Im Moment ist der Austausch von Literaturübersetzern durch Roboter in vollem Gang. Vom Ende des Lesens ist deshalb eine trotzige Liebeserklärung an die authentische Literatur.

Stefan Frey Der Autor ist seit Anfang der 70er Jahre publizistisch tätig, engagiert in Projekten für Kultur, Umwelt und Entwicklung. Zusammen mit dem Fotografen Christian Gerber Reportage-Reise nach Kuba. Zehn Jahre im Dienste einer global tätigen Natur- und Umweltschutzorganisation, danach unabhängiger Berater in Kommunikationsprojekten. 1987 erste Reise nach Madagaskar, wo er seither zahlreiche Projekte initiierte. Das Wichtigste: Mad Eole, Elektrifizierung von Dörfern mit Wind- und Solarenergie im Norden Madagaskars. Verschiedene Veröffentlichungen. Im Februar 2013 erschienen Blätter aus dem Tropenwald: Kurzgeschichten aus Madagaskar. 2014 der Roman Die Befreiung: Eine Liebe auf Madagaskar. Von der Kolonie zur Befreiung und zurück. 2017 der Roman Der Abgang: Bericht aus einer nahen Zeit. 2019 der Roman Strohgold: Aufstieg und Fall im Second Empire. 2020 der Roman Jackpot oder: Die Würde des Menschen ist verfügbar. 2024/25 der Roman Das Ende vom Lesen oder: Die Kunst intelligent zu bleiben. Der Autor lebt und schreibt in Olten, Schweiz, und in Diego-Suarez, Madagaskar.

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Die kleine Stadt, unsere kleine Stadt, hat sich nie durch etwas Besonderes ausgezeichnet. Es sei denn, ihre Unsichtbarkeit sowohl auf der Landkarte der Hochkultur als auch auf jener der Pop-Kultur oder der Kultur überhaupt sei besonders hervorzuheben. Unsere kleine Stadt war wie Ai Weiwei, dessen Körper sich durch komplett und perfekt aufgemalte Integration der jeweiligen Umgebung so anpasst, dass der Künstler selbst erst zu erkennen ist, wenn er sich bewegt. Die kleine Stadt ist das urbane Ebenbild eines Ai Weiwei, die urbane Mimikry.

Trotzdem hat die kleine Stadt für ihre Bewohner bemerkenswerte Vorzüge. Eingebettet in eine Flusslandschaft zwischen sanften Hügeln, ist der Blick in jede Himmelsrichtung frei; ständen die Alpen nicht im Weg man erblickte vom Rücken der südlich sich wie ruhende Wale in die Landschaft eintauchende „Höger“, wie man hier sagt, das Meer. Gegen Westen hin sind die lieblichen Hallenlandschaften der Grossverteiler zu erspähen, während im Osten der Dampf eines Atomkraftwerkes heiter in den Himmel quillt, um so den umliegenden Dörfern abkühlenden Schatten zu spenden. Was dort im Sommer gerne angenommen wird. Wer aus der Stadt hinausblickend sowohl Nähe als auch Weite sucht, schaut jedoch selten weder nach Osten noch Westen. Der nördliche Hügelrand ist von Wäldern bestanden. Doch schon ein kurzer Spaziergang auf die Hügelkuppe gibt den Blick frei auf das nahe Ausland der Rhein- und Spargellandschaften. Ein Fluss durchfliesst die kleine Stadt. Aus einer Linkskurve aus dem Süden kommend, verabschiedet er sich, kurz nachdem er unter drei Brücken durchgeflossen ist, rechts kurvend von der Stadt.

Die sanften umrandenden Hügel verstellen nur unwesentlich die Aussichten und prägen das Denken der Kleinstädter. Es ist offen, grosszügig, mit stetem Hang fürs Weggehen. Das Gegenteil von den Berglern in den Alpen, wo jede Himmelsrichtung durch nahe schroffe Felswände die Perspektive einschränkt. Engstirnigkeit, sozusagen als zwingende Konsequenz der geologisch-topographischen Verhältnisse. In unserer kleinen Stadt ist man schon aus rein topographischen Gründen weltoffener. Ein wesentlicher Treiber, wenn nicht der entscheidende oder gar einzige, ist die Eisenbahn. Sie fährt von hier in alle vier Himmelsrichtungen. Nach Rom, Lyon, Paris und Wien. Von hier aus fliegt man nicht, es wird gereist. Eben vorwiegend mit der Bahn, denn die kleine Stadt war dank eines historisch bedingten Glücksfalls geradezu zum unumfahrbaren Knotenpunkt für das internationale Bahnnetz geworden. Das ist praktisch. Und reisen bildet, sagt man.

Von ihren Reisen brachten die Kleinstädter im Laufe der Jahre vieles zurück, was in grossen, ja in Weltstädten oft als Umbruch, gar als Revolution gefeiert oder gefürchtet wurde. Nicht, dass man sich erst in Grossstädten über die gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklungen informiert hätte, aber man konnte sich dort so einiges in der Wirklichkeit anschauen, was sonst eher nur durch die Medien in die Kleinstadt gekommen wäre. Wobei das Bedürfnis, der wirklichen Wirklichkeit persönlich ansichtig zu werden, in der letzten Zeit eher zugenommen hat. Kein Wunder, die Medien generierten immer mehr „Artikel“ und „Informationen“ durch die so genannte künstliche Intelligenz – sie nannten das Journalismus – die von kritischen Geistern nicht einfach so als Wahrheit geschluckt wurden.

So berichtete während der Hoch-Zeiten von Gender und Woke die städtische Beauftragte für Kultur und Gleichstellungsfragen, Mathilde „Tilly“ Zimmermann, ihrem obersten Chef, dem Stadtpräsidenten, Dr. Peter Vontobel, von ihrer aus eigener Tasche berappten Studienreise nach Berlin und Paris.

Der Jurist Dr. Peter Vontobel legte im übrigen sehr grossen Wert auf seinen akademischen Titel und er unterstrich dies, indem er