: Rainer Gross
: Farewell Roman
: Books on Demand
: 9783695766734
: 1
: CHF 7.90
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 250
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Benjamin Rüdiger verkauft im Tramperhaus Outdoor-Träume: Schlafsack, Rucksack, Zelt - alles, was man für einen Trip in die Wildnis braucht. Er war selbst schon in Kanada, am Amazonas und im Outback Australiens, ist aber nun gesetzter geworden. Da taucht eines Tages eine junge Frau namens Sarah im Laden auf und will in die Südsee auswandern. Er lernt sie näher kennen, der Abflugtermin steht fest, und ihre Entschlossenheit weckt die alte Sehnsucht in ihm wieder. Als dann auch noch eine berufliche Veränderung droht und er sich in Sarah verliebt, muss er erkennen, dass es nicht so weitergehen kann wie bisher und alles sich unaufhaltsam verändert.

Rainer Gross, Jahrgang 1962, geboren in Reutlingen, studierte Philosophie, Literaturwissenschaft und Theologie. Heute lebt er mit seiner Frau als freier Schriftsteller wieder in seiner Heimatstadt. Er wurde 2008 mit dem Friedrich-Glauser-Debütpreis ausgezeichnet. Bisher sind rund achtzigTitel von Rainer Gross erschienen. Zuletzt veröffentlicht: Novemberland (2023); Schafsgezwitscher (2023); Das heiratende Mädchen (2023); Jesus trinkt den Kaffee schwarz (2024); Jahrtausendwende (2025); Gezeitenwechsel (2025); Tag-undnachtgleiche (2025); Der leere Himmel (2025); Das Turmzimmer (2025); Dies fremde Leben (2025)

4 Südsee


Eines Tages stiefelt eine junge Frau in den Laden, schaut sich suchend um und steuert dann direkt auf mich zu. Sie bleibt vor mir stehen, ein Blick auf mein Namensschild, und sagt dann:

»Hallo, Ben! Ich bin Sarah.« Und streckt mir ihre Hand hin. Ich schüttle sie, eine schmale Hand mit kräftigem Händedruck.

»Dich suche ich«, sagt sie. »Euer Laden ist mir empfohlen worden.«

»Das hört man gerne«, sage ich.

»Kompetente, fachkundige Beratung«, zählt sie auf, »große Auswahl, hochwertige Sachen.«

»Trifft alles zu«, sage ich grinsend. »Wer hat uns denn empfohlen, wenn ich fragen darf?«

»Meine Freundin. Sie hat einen Rucksack bei euch gekauft.«

Ich mustere sie. Eine junge Frau, zwanzig höchstens, etwas dünn, drahtig, kurzgeschorene Haare, sympathisches Gesicht.

»Nun, wie kann ich dir helfen?«, frage ich.

»Ich brauche eine Outdoor-Ausrüstung«, sagt sie. »Zelt, Schlafsack, Rucksack, sowas halt. Ich will nämlich aussteigen. In die Südsee.«

»Südsee? Aha.«

Ich sage nichts dazu. Die Leute kreuzen hier auf mit den verrücktesten Ideen.

»Dann schauen wir mal, ob wir etwas Passendes finden«, sage ich und führe sie zu den Rucksäcken.

Sie folgt mir und meint dann leutselig: »Endlich mal einer, der mich ernst nimmt und nicht gleich die Hände überm Kopf zusammen-schlägt.«

»Na ja«, sage ich, »du bist schon ein bisschen jung. Aber mein Vater war damals auch so alt, und ich habe meinen ersten Trip mit zweiundzwanzig gemacht.

Wo willst du denn genau hin?«, frage ich interessehalber.

»Zuerst nach Tahiti. Und dann will ich von Insel zu Insel. Bleiben, wo es mir gefällt, und dann weiterziehen.«

»So eine Art Work&Travel?«

»Eher so eine Art Robinson Crusoe«, sagt sie und grinst. »Ich will von dem leben, was die Natur mir bietet.«

So so, denke ich. Hoffentlich macht sie sich da keine falschen Vorstellungen von der Südsee.

Ich zeige ihr einen Gestellrucksack und einen mit Rückenergonomie, erläutere die Vorzüge und Nachteile. Wie viele Fächer, wie viel Fassungsverbögen, regenabweisend, Gewicht.

Sie probiert den ergonomischen, ich verstelle den Brustgurt und passe den Hüftgurt an. Ziehe stramm zu.

»Uff, ist das eng!«, sagt sie.

»Es darf nicht einschnüren«, sage ich. »Aber er muss so sitzen, dass du das ganze Gewicht auf den Hüften hast. Deine Beine sollen ihn tragen, nicht der Rücken.«

Ich betone die Rückenfreiheit zwecks der Belüftung und nenne den Preis. Dreihundert-fünfzehn Euro.

Sie rückt den Hüftgurt selbst zurecht und stellt sich freihändig hin. Geht ein paar Schritte. Bückt sich. Geld scheint keine Rolle zu spielen.

»Der Preis spielt keine Rolle«, sagt sie als hätte sie meine Gedanken gelesen. »Er muss gute Qualität haben und lange halten.«

»Ist dir nicht ein bisschen mulmig, so allein als Frau in der Weltgeschichte herum zu spazieren?«, frage ich nun doch.

»Ich komm gut allein klar«, sagt sie selbstbewusst. »Ich reise ja in kein muslimisches Land. Und auch nicht nach Indien. Die Einwohner der Südsee sollen freundliche Menschen sein. Ich habe recherchiert.«

Sie gibt sich unbekümmert und will es leicht nehmen. Aber, ich glaube, im Innersten geht ihr der Arsch ganz schön auf Grundeis.

Sie ist zufrieden mit dem Rucksack. Nun geht es zu den Schlafsäcken.

»Polartauglich brauchst du in der Südsee nicht. Ich würde trotzdem einen Mumienschlafsack mit Kunstfaserfütterung empfehlen. Wenn es zu warm wird, kannst du ihn ganz aufmachen und als Decke verwenden.«

Ich hole ein gängiges Modell aus dem Packsack, entrolle es und breite es auf dem Teppichboden aus.

»Bis minus zehn Grad«, sage ich. Ich öffne den Reißverschluss und lasse das rote Baumwollfutter sehen.

»Schlüpf mal rein!«, sage ich. »Du musst dich drin wohl fühlen.«

Sie zögert kurz, dann zuckt sie die Schultern, zieht ihre Sneaker aus und steigt hinein. Sie findet problemlos Platz.

»Zieh die Kapuze zu. So.«

Jetzt ist sie ganz eingemummelt.

Sie bewegt Arme und Beine.

»Fühlt sich gut an«, sagt sie. »Ganz kuschelig.«

Sie amtet herum und meint: »Ich kann sogar auf der Seite schlafen und die Füße anwinkeln.«

»So muss es sein«, sage ich. »Man freut sich den ganzen Tag auf den Abend im Zelt. Da muss es gemütlich sein.«

»Kostenpunkt?«, fragt sie und schält sich wieder aus dem Schlafsack.

»Zweihundertneunundvierzig.«

Als sie wieder steht, den Schlafsack in der Hand, erklärt sie: »Den nehm ich!«

»Pack ihn selbst ein!«, sage ich, »damit du gleich weißt, wie das geht. Einfach stopfen. Du brauchst ihn nicht zusammenzurollen.«

Sie verstaut den prallen Packsack gleich im Rucksack, um zu sehen, wie viel Platz sie noch hat.

»Was sagen eigentlich deine Eltern dazu? Deine Freunde?«, frage ich, weil es mich nun doch interessiert. »Lassen die dich so einfach ziehen?«

Sie zuckt die Schultern und lacht.

»Was sollen sie machen? Ich bin volljährig. Mein Vater sagt nichts dazu, der hat sich nie für mich interessiert. Meine Mutter betet, dass ich zur Vernunft komme. Und meine Freunde schenken mir lauter Sahen, von denen sie denken, dass ich sie gebrauchen kann.«

Sie lacht wieder. »Eine hat mir ein Bergsteigerseil geschenkt. Kunstfaser. Wiegt ganz schön viel, das Ding. Ich weiß noch nicht, ob ich es mitnehme.«

»Es kommt auf jedes Gramm an«, sage ich. »Das Gewicht schleppst du ja den Tag stundenlang mit dir herum.«

»Ich weiß.«

»Und mehr als dreißig Kilo sollten's nicht sein. Sonst bezahlst du beim Einchecken am Flughafen Übergepäck.«

»Daran habe ich noch nicht gedacht«, sagt sie. »Danke für den Tipp!«

Ich frage mich, ob sie sich eigentlich mit den Einreisebestimmungen der Südseeinseln beschäftigt hat.

»Dann kommt jetzt das Wichtigste«, meint sie tatendurstig, »das Zelt.«

Ich lasse mir erzählen, was sie sich vorstellt. Zwei-Mann-Zelt, leicht, einfach aufzubauen. Aluminiumgestänge. Keins, bei dem man das Außenzelt extra über das aufgestellte Innenzelt breiten muss. Sie hat einmal beim Aufbau zugesehen, es war sehr windig, und die Leute haben mit der flatternden Plane herum gekämpft und sie fast nicht bändigen können.

»Und wenn es dann noch regnet«, stimme ich bei, »wird das ganze Innenzelt nass.

Nein«, sage ich, »davon kommt man immer mehr ab.«

Ich gehe zum Regal und ziehe einen Sack heraus, stelle ihn auf den Boden, öffne ihn.

»DasNebraska, Auslaufmodell, reduzierter Preis.«

»Ah ja.«

Kuppelzelt, zwei Apsiden, aluminiumbe-schichtet, was die Wärme reduziert. Fiber-glasgestänge, großzügiger Eingangsbereich mit Moskitonetz, sodass man darin kochen kann. Das Innenzelt aus Kunstfasergazé, leicht und trocknet schnell. Von einer Person aufzubauen.

Ich stecke einen der Stäbe zusammen und führe ihr vor, wie biegsam er ist.

»Nicht!«, ruft sie. »Du machst ihn ja kaputt!«

»Besser er geht jetzt kaputt als da unten«, sage ich nur.

»Hast auch wieder Recht.«

»Ich baue es dir mal auf, damit du's einmal gesehen hast«, sage ich, entrolle das Zelt, lege das Innenzelt beiseite und führe die Fiberglasstangen durch die Tunnel im Außenzelt, kreuzweise.

»Dann die einen Enden in die Laschen stecken«, sage ich und wechsle die Seite, »und die Enden auf der anderen Seite mit beiden Händen gleichzeitig durchdrücken, bis sie auch in die Laschen passen.

Und schon steht das Ding!«

Sie staunt.

Genügend Platz für eine Person. Ventilationsklappen, zwei Dauerlüftungsöffnungen, in die hintere Apsis passt das Gepäck.

»Das Innenzelt befestigst du mit den Haken innen an den Schlaufen«, sage ich, und gemeinsam kriechen wir hinein, und ich zeige es ihr.

»Das Gute ist nun«, erkläre ich, als wir wieder draußen stehen, »dass du das Innenzelt nicht wieder abnehmen musst. Du packst es zusammen mit dem Außenzelt ein, und beim nächsten Aufbau hängt es von selbst.«

»Das ist mal praktisch!«, sagt sie.

»Der große Abstand zwischen Außen- und Innenzelt verhindert Kondenswasser«, erkläre ich. »Wasserdicht vernähte Nähte, umweltfreundliche Imprägnierung. Die Spannleinen und die Häringe brauchst du zur Stabilisierung nicht. Die sind nur dazu da, dass die Wände nicht so flattern.«

Ich weise auf die Innenzelttaschen und den Lampenhalter hin und zeige ihr, wie das Moskitonetz verstellt...