Zwei
2. Mai
Als Felicitas zum Frühstück hinunterging, war sie nicht allein, als sie einen Blick in die Küche warf. Am Tisch saß ein Typ, der sie fröhlich und neugierig ansah. Sie hatte schlecht geschlafen. Die Sorge um Thomas hatte sie nicht zu Schlaf kommen lassen. Zu viele Gedanken schossen ihr durch den Kopf. Was, wenn die Carabinieri ihn nicht finden würden? Wo könnte man am sinnvollsten nach ihm suchen? Warum war sein Laptop nicht auffindbar?
Sie hatte in der Nacht noch einige seiner Aufzeichnungen studiert, aber nichts gefunden, das einen Hinweis darauf gab, was er genau hier wollte. Die meisten Eintragungen bezogen sich auf Oswald von Wolkenstein.
»Hallo, ich heiße Benjamin Malfertheiner.« Der junge Mann nickte ihr aufmunternd zu und deutete auf ein Frühstücksgedeck, das ihm gegenüber auf dem Küchentisch stand, an dem Felicitas schon gestern Nachmittag Platz genommen hatte.
»Die Pension hat also kein Frühstückszimmer – auch gut.« Und der junge Mann, der sie weiter freundlich interessiert ansah, schien ihre Gedanken lesen zu können.
»Meine Mutter hat nur zwei Fremdenzimmer. Deshalb sitzen alle Gäste immer in ihrer Küche zum Frühstück.« Er lachte. »Und ich bin der Gast von Zimmer 2.«
Felicitas schaute ihr Gegenüber an. Kräftig war er. Groß auch, soweit man das beurteilen kann, wenn einer vor einem sitzt. »Hübsch geschnittene Gesichtszüge, so wie ein römischer Feldherr«, dachte sie. Felicitas liebte Italien, die italienische Sprache, die Kultur und war deshalb so oft wie sie konnte dort auf Studienreisen gewesen. Sie liebte die Skulpturen, die das alte Römische Reich hervorgebracht hatte. »Und vor mir sitzt jetzt so eine Skulptur«, sinnierte sie schlaftrunken und deshalb noch nicht ganz in der Gegenwart angekommen.
»Frische Brötchen?« Die Skulptur reichte ihr einen Korb. »Habe ich selber vom Bäcker geholt. Ich bin nicht nur der Gast von Zimmer 2, sondern auch der Sohn des Hauses. Muss mir meinen Aufenthalt eben erarbeiten«. Zwei schneeweiße Zahnreihen strahlten sie an.
»Was?«
»Du bist noch nicht ganz wach?«
Felicitas schüttelte leicht den Kopf.
»Kaffee?«
Felicitas nickte leicht mit dem Kopf.
Benjamin griff nach einem Brötchen, schnitt es durch, strich Butter darauf, belegte es mit Käse und biss hinein. Felicitas begleitete sein Tun mit ihren Blicken. Ihr war, als schaute sie in einen Fernseher. Alles, was sie sah, schien ihr nicht echt, nicht wirklich. Alles, was sie hier erlebt hatte, war nicht so, wie sie es erwartet hatte. Konnte es ja auch nicht sein. Thomas war nicht hier und er sollte doch hier sein. Jetzt saß da ein anderer, der sie immer nur ansah. Nicht blöd, aber doch irgendwie schon. Also nicht der Typ, aber die ganze Situation.
Nach dem ersten Schluck Kaffee ging es besser. Sie sortierte ihre Gedanken. Blickte sich auf dem Tisch um und fand dort eine appetitliche Auswahl. Ihr Hunger meldete sich. Sie seufzte leich