: Sabine Gufler
: Zerrissenes Herz Ein Weg durch Schmerz und Liebe
: Athesia-Tappeiner Verlag
: 9788868399528
: 1
: CHF 15.00
:
: Romanhafte Biographien
: German
: 216
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Sabine Gufler hat es nie leicht gehabt im Leben. Als uneheliches Kind litt sie unter der Verachtung in der Familie ihrer Mutter und des Dorfpfarrers; später quälen sie schier unerträgliche Migräneanfälle. Die ohne Vater und in sehr bescheidenen Verhältnissen aufgewachsene Autorin erinnert sich an eine düstere, von Demütigungen und Zurücksetzungen geprägte Kindheit, an die grausamen, sie erniedrigenden Moraldemonstrationen vieler ehrenhafter Menschen und an trostlose Stunden der Einsamkeit. Halt findet sie einzig in der tiefen Liebe und innigen Verbundenheit zu ihrer Mutter. Aus Angst vor dem Verlust dieser Liebe, schafft sie unbewusst Distanz. Als die Mutter an Demenz erkrankt, ist die Tochter überfordert und gerät in einen Strudel aus Wut und Verzweiflung. Sie erkennt nicht, dass die Krankheit - und nicht ihre Mutter - der eigentliche Feind ist. Als sie schließlich nicht verhindern kann, dass die Mutter ins Pflegeheim kommt, plagen sie tiefe Schuldgefühle. Doch die Situation spitzt sich weiter zu ... Eine bewegende Geschichte über den schmerzhaften Kampf gegen die Diagnose Demenz, Schuldgefühle und die Gewissheit, dass Liebe stärker ist als alles andere.

Sabine Gufler: Ich wurde am 2. Oktober 1969 in Bozen geboren und wuchs gemeinsam mit meiner Mutter und meinen Großeltern im kleinen Bergdorf Walten im Passeiertal auf. Meine Kindheit war geprägt von der Ablehnung meines Vaters und der streng gläubigen Dorfgemeinschaft. Ich war eben ein außereheliches Kind - eines, das sich mehr für Automodelle als für Puppen begeisterte. Ich war ein Kind außerhalb der gesellschaftlichen Normen - ein außereheliches Kind -, und vielleicht gerade deshalb zog es mich in die Welt meiner Fantasie. Dort erschuf ich mir mit meinen geliebten kleinen Tierfiguren ein eigenes Reich, fern von allem, was mich umgab. Die majestätische Natur der Berge war die perfekte Kulisse für meine Träume. Später begann ich, diese Schönheit mit meiner Kamera einzufangen und die Geschichten, die in mir lebten, in Worte zu fassen. Meine Mutter liebte mich, wie man ein Kind nur lieben kann. Uns verband eine stille Symbiose gegen den Rest der Welt. Unsere gemeinsamen Wanderungen durch die Natur, die uns umgab, machten mein Leben zu einem glücklichen Leben - getragen von Geborgenheit. Bis zu dem Tag, an dem Mama erkrankte und nichts mehr so sein durfte wie zuvor.

Unvergessliche Tage am Meer


Wenn ich mit Mama und meiner Tante Frieda ans Meer fuhr, war das Kofferpacken immer das Schönste für mich. Bei jedem Stück, das ich einpackte, stellte ich mir vor, wie ich es am Strand benützen würde, und sah die schönen Momente schon vor mir. Für Mama war es eine große Freude, wenn sie mir mitteilen konnte: „Wir fahren ans Meer.“ Sie machte stets ein Geheimnis daraus, damit die Überraschung dann noch größer war. Auch sie fuhr gerne weg, doch hauptsächlich freute sie sich für mich, weil sie wusste, wie viel mir das Meer bedeutete.

Ich erinnere mich noch gut daran, dass sie jedes Mal am Tag vorhersagte: „Was glaubst du, wo wir morgen um diese Zeit sind?“ Wir konnten es kaum erwarten, und am Abend packten wir die Koffer ins Auto. Dabei schimpfte ich jedes Jahr aufs Neue mit Mama, weil sie so viele Dinge mitnahm, die sie bestimmt nicht brauchte. Wärmflasche, ein weiches Kopfkissen, warme Kleidung – sogar den Wasserkocher! Sie wollte für alles gerüstet sein. Vor Aufregung konnte ich kaum schlafen und war meistens schon wach, als Mama am frühen Morgen den Kopf zur Tür hereinsteckte. Sie ließ es sich nicht nehmen, auch so früh ordentlich zu frühstücken. Während ich nur schnell losfahren wollte, bestand sie darauf, ihren Kaffee und ihr Frühstücksbrot in Ruhe zu genießen. Das führte oft zu Streit, weil ich sie immer wieder drängte.

Endlich angekommen bei Frieda in Bozen, konnte es losgehen, sobald mein Onkel unsere ganzen Taschen irgendwie verstaut hatte. Mama und ich saßen hinten, und sie strahlte mich zufrieden an. Während sie mit Frieda plauderte oder einfach nur aus dem Fenster schaute, hatte ich meist keine Lust zu reden, weil meine Gedanken bereits am Meer waren und sich meine Freude innerlich abspielte. Das ärgerte meine Tante, die von mir erwartete, dass ich meine Freude offen zeigte. Ich glaube, das war unser Problem. Durch die schmerzlichen Erfahrungen meiner Kindheit und all die Verletzungen war ich an den Punkt gelangt, meine Gefühle tief in mir zu verschließen. Eigentlich wünschte ich mir damals, nichts mehr zu fühlen; da das jedoch nicht möglich war, verbarg ich meine Gefühle, um mich zu schützen. Mama war wohl die Einzige, die das irgendwie verstand. Ich glaube, sie spürte meine Liebe mit dem Herzen, auch wenn sie sie oft nicht sehen konnte. Als wir endlich die Berge hinter uns ließen und in die Ebene eintauchten, spürte ich, wie sich die Enge in mir löste, und ich fühlte mich, als würde ich von einem zu engen Korsett befreit.

Als das Meer schließlich zum ersten Mal am Horizont auftauchte, schaute Mama immer voller Freude zu mir hinüber und sagte