: Susanne Schwertfeger, Kerstin Werner, Thomas Steiner, Edda Gutsche
: In der lila Welt unterwegs Erzählungen und Gedichte
: Books on Demand
: 9783695739448
: 1
: CHF 10.60
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 380
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Die Farbe Lila spielt in allen Erzählungen und Gedichten immer wieder Haupt- und Nebenrollen. Ein fliederfarbener Schal erinnert an eine talentierte Schneiderin im Nachkriegs-Köln, wie ihre Kleider Teil eines neuen Lebensgefühls wurden. Von einer Schülerin ist die Rede, die einen Malkurs besucht und immer weniger zu sich nimmt. Orientalischer Tanz entfaltet sich in einer Erzählung, Wege wie Freundschaften entstehen und vergehen. Orpheus im Spinnenkeller, guter Wein und Unterwelt taucht in einem Gedicht auf. Tautropfenepigramme erinnern an viskose Freiheit und andere lyrische Spuren. Lavendelfelder lassen ihr Licht aufscheinen. Steigt man in den falschen Zug, landet man unerwartet auf Sylt statt am eigentlichen Ziel. Dem Protagonisten dieser Erzählung wird der Fehler zum glücklichen Zufall. Afrikanische Stimmen berichten von ihrem Blick auf die Welt. Von einem geheimnisvollen Versteck, grob herausgeschnitzt in einem dicken Buch, wird erzählt. Was hat es damit auf sich? Im März blühen lila Krokusse.

Kerstin Werner

Mir ist so wunderstill zumute


In den letzten Monaten ist so viel mit mir passiert, dass ich zutiefst glücklich bin, endlich zu mir selbst gefunden zu haben. Es war ein langer und schwieriger Weg, aber ich habe es geschafft, mich von meinen Zwangsvorstellungen und Ängsten zu befreien und meinen Körper so anzunehmen, wie er ist. Jetzt muss ich nur aufpassen, nicht rückfällig zu werden.

Alles hatte damit angefangen, dass ich anders sein wollte. Ich ertrug es nicht mehr, immer im Schatten der Mädchen zu stehen und wenig beachtet zu werden. Da ich mich nicht schminkte, nicht rauchte und auch durch meine Kleidung kaum auffiel, ging ich in der Mädchengruppe unter. Ich war einfach zu ruhig in der Klasse. Auch von den Jungs schien sich niemand für mich zu interessieren, aber da ich sie noch sehr kindisch fand, vermisste ich nichts. Manchmal glaubte ich, meinen Mitschülern geistig voraus zu sein, da mich ihre Gespräche oft langweilten und es mir deshalb schwerfiel, mich daran zu beteiligen. Nur mit Lina konnte ich mich ernsthaft unterhalten.

Auch dass ich körperlich sehr weit entwickelt war, störte mich. Ich bekam schon mit zehn Jahren meine erste Regelblutung und meine fraulichen Rundungen waren nicht zu übersehen. Aber ich fühlte mich in meinem Körper nicht zu Hause. Ich wollte noch nicht erwachsen werden und schämte mich für mein frauliches Aussehen. Oft sehnte ich mich zurück in meine Kindheit. Gern wäre ich so dünn gewesen wie Lina, aber ich musste mir eingestehen, dass ich das nie schaffen würde. Lina konnte eine Menge essen, ohne dabei dick zu werden, und ich hatte keine Ahnung, wie sie das machte. Während ich mich in der Frühstückspause auf dem Schulhof mit einem Apfel begnügte, verputzte sie zwei belegte B