: Anna Wexberg
: Fanny Abendrots Atelier
: Books on Demand
: 9783695115723
: 1
: CHF 7.00
:
: Historische Romane und Erzählungen
: German
: 112
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Wien 1930. Fanny Abendrot fotografiert in ihrem Atelier die Wiener Gesellschaft. Doch eine Radiosendung lässt sie nicht mehr los: Was ist eigentlich mit den Menschen, die nie fotografiert werden? Sie beginnt, die Kamera anders zu nutzen. Sucht nach den Gesichtern jenseits der Salons, trifft sich mit Fotografinnen, die wie sie nach neuen Wegen suchen. Wien ist eine Stadt zwischen Tradition und Moderne, zwischen Walzer und Jazz, zwischen Bürgertum und Rotem Wien. Fanny ringt um ein eigenständiges Leben, gegen die Erwartungen ihrer Familie, gegen eine Gesellschaft, die ihr keinen Platz lässt. Dann wird ein altes Foto zur Bedrohung. Die politische Lage verschärft sich. Und Fanny muss erkennen, dass Freiheit in Wien 1934 kein Recht mehr ist, sondern ein Risiko. Anna Wexbergs Roman fragt, was es bedeutet zu sehen und gesehen zu werden.

Dr. Anna Wexberg ist promovierte Historikerin und Psychotherapeutin. In ihren wissenschaftlichen und literarischen Arbeiten verbindet sie historische Genauigkeit mit feiner Beobachtungsgabe. Neben Publikationen zu gesellschaftspolitischen Themen schreibt sie Prosa.

Oktober 1930


Das Licht war noch zu hart. Sie las das Licht von der Wange, nicht vom Kleid, und stellte den Reflektor so, dass der Schatten an der Stirnkante brach. Frau Kommerzienrat Weiss saß gerade, die Hände im Schoß gefaltet, den Blick knapp über die Kamera hinweg gerichtet, das schwere Seidenkleid gleichmäßig drapiert, die Perlenkette ruhig auf dem Dekolleté. „Bitte das Kinn etwas heben.“ Klick. Fanny mochte den Klang ihrer eigenen Stimme nicht, wenn sie Anweisungen gab – zu glatt, zu überlegen, dachte sie. Manchmal klang sie wie ihre Mutter. Das vertraute Geräusch der Straße drang gedämpft durch die hohen Fenster, Wagen rollten über das Pflaster, Schritte verhallten. Die Straße gab den Takt: Blick, Atem, Auslöser. „Noch eine Aufnah