1. KAPITEL
Mai 1946–1948
Der Wind peitschte ihnen um die Ohren. Die Äste der Bäume, die am Straßenrand und im Biergarten standen, wedelten hin und her. Große Wasserlachen hatten sich bereits gebildet. Die Regentropfen tanzten wie wild auf dem Asphalt und in den Pfützen. Ein Tag wie im November, dabei war es der Mai, der sich nur von seiner ungemütlichen Seite präsentierte. Die richtige Kleidung für dieses Sauwetter trugen sie auch nicht, selbst ein Schirm würde ihnen nicht helfen. Es schien gar nicht hell zu werden. Kein guter Anfang für einen Fußmarsch von München nach Köln.
Leonard und Karl standen an der Tür des Gasthofs, um sich vom Angerer Anton zu verabschieden und ihren Heimweg nach Köln anzutreten. Die Stimmung zwischen den drei Männern war bedrückt, besonders beim Angerer Wirt. Als die zwei Jungs vor fast einem Jahr bei ihm als Koch und Kellner anfingen, hatte er nicht damit gerechnet, dass sie solch erfahrene Mitarbeiter waren. Gern hätte er sie weiterbe-schäftigt, aber die beiden wollten zurück in ihre Heimat. Anton verstand das, trotzdem hatte er alles versucht, sie zu halten. Leonard war ihm besonders ans Herz gewachsen, er erinnerte ihn an seinen in den letzten Kriegstagen gefallenen Sohn Sepp, seinen einzigen.
Voll gepackt und versorgt mit Proviant verabschiedeten sie sich herzlich vom Wirt, der jedem noch einen größeren Geldschein zusteckte. Ihm standen die Tränen in den Augen, aber es half nichts: Die zwei jungen Männer zogen ab.
»Mensch Karl, ich freue mich so sehr auf meine Familie und auf Köln«, sagte Leonard, als sie schon einige Kilometer gelaufen waren. Der Regen hatte inzwischen etwas nachgelassen.
»Mit geht es genauso, auch wenn die Strecke, die vor uns liegt – über fünfhundert Kilometer Fußmarsch – echt eine Herausforderung ist. Ob eine Bahn fährt, ist nicht sicher. Hast du deine Papiere griffbereit? Dort hinten auf der Ecke stehen Militärposten. Wie oft haben die Amerikaner uns schon überprüft?«
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