“Das größte Strategiechaos entsteht nicht durch falsche Entscheidungen, sondern durch die Unfähigkeit zu entscheiden, wer eigentlich entscheidet.“
Dr. Markus Dirr
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Zwei Strategien, ein Chaos?
Wie sich Familienstrategie und Unternehmensstrategie ergänzen
Dr. Markus Dirr
Externer Geschäftsführer einer Management-Holding im Familienbesitz
„Wir diskutieren seit Monaten, aber kommen zu keinem Ergebnis.“ Der Geschäftsführer eines mittelständischen Maschinenbauers fasst zusammen, was viele Familienunternehmen erleben: Endlose Strategiesitzungen, die sich im Kreis drehen, weil niemand weiß, nach welchen Kriterien eigentlich entschieden werden soll. Geht es um maximale Rendite oder um Arbeitsplätze in der Region? Um schnelles Wachstum oder um nachhaltige Entwicklung? Um Professionalisierung oder um Bewahrung der Familienkultur?
Aus der Perspektive eines externen Beobachters wird schnell deutlich: Das Problem liegt nicht in mangelnder strategischer Kompetenz, sondern in der Vermischung zweier verschiedener Strategieebenen. Familienunternehmen benötigen sowohl eine Familienstrategie als auch eine Unternehmensstrategie. Werden diese nicht klar getrennt und dann bewusst miteinander verzahnt, entsteht jenes Chaos, das selbst erfahrene Unternehmer zur Verzweiflung bringt.Aus Sicht der Eigentümer bedeutet dies eine permanente Zerrissenheit zwischen dem, was für die Familie richtig ist, und dem, was das Unternehmen braucht. Sie fühlen sich gedrängt, zwischen zwei Loyalitäten zu wählen, obwohl beide gleichermaßen berechtigt sind. Die Folge: Entscheidungen werden aufgeschoben oder führen zu faulen Kompromissen, die niemanden zufriedenstellen.
Nachfolger erleben diese Situation als besonders belastend. Sie sehen sich mit widersprüchlichen Erwartungen konfrontiert: Einerseits sollen sie das Unternehmen modernisieren und professionalisieren, andererseits die Familientradition bewahren. Ohne klare Prioritäten navigieren sie zwischen verschiedenen Interessengruppen, ohne zu wissen, welche Entscheidungen richtig sind.
Externe Geschäftsführer stehen vor der Herausforderung, rationale Geschäftsentscheidungen in einem emotionalen Umfeld zu treffen. Sie müssen verstehen, dass hinter scheinbar irrationalen Entscheidungen oft eine Familienstrategie steht, die ihnen nicht transparent gemacht wurde. Gleichzeitig wird von ihnen erwartet, das Unternehmen erfolgreich zu führen, ohne die familiären Rahmenbedingungen zu kennen.
1. Das Dilemma verstehen: Wenn zwei Strategien kollidieren
Um das Ausmaß des Problems zu verstehen, betrachten wir die Geschichte eines traditionellen Maschinenbauers aus Baden-Württemberg. Das Unternehmen, seit drei Generationen in Familienbesitz, stand vor der Entscheidung, ob es in die digitale Transformation investieren sollte. Die Geschäftsführung hatte eine klare Empfehlung: Ohne Digitalisierung würde das Unternehmen in fünf Jahren nicht mehr wettbewerbsfähig sein. Der Investitionsbedarf lag bei 15 Millionen Euro.
Die Familie war gespalten. Der Seniorchef fürchtete um die bewährte Unternehmenskultur und den Verlust von Arbeitsplätzen. Die Juniorchefin drängte auf schnelle Umsetzung, um international konkurrenzfähig zu bleiben. Der Beirat empfahl einen Mittelweg, der jedoch weder die technologischen Anf