Essay
02 Das «archaischste Land des Westen»A
[→ 2020 ]
In seinerGeschichte der Schweiz im 20. Jahrhundert beschreibt Jakob Tanner die Schweiz als ein Land, das seine wirtschaftliche Dynamik und seine inneren Konflikte wiederholt mit einem nationalistischen Abwehrreflex zu stabilisieren versuchte. Trotz kurzer Phasen der Öffnung, etwa vor und nach dem Zweiten Weltkrieg oder in den Jahren nach 1968, habe sich das mythologische Abwehrsyndrom als Konstante erwiesen. Je mehr sich nach 1945 die fortschrittlich-egalitäre Vision der Aufklärung in Form der europäischen Integration realisiert habe, desto stärker habe sich die Schweiz von aussen abgegrenzt. In einem Europa, in dem sich nationalstaatliche Interessen zunehmend verflüchtigten, bleibe allein die Eidgenossenschaft im nationalistischen 19. Jahrhundert stecken. Das von Tanner gezeichnete Bild lässt an Klarheit wenig zu wünschen übrig: hier der sich abschottende Nationalstaat, dort der Fortschrittszug Europa, der in die transnationale Zukunft braust.59
In diesem Bild erscheint die Schweiz als Passagier, der den Anschluss an den unaufhaltsamen Transeuropa-Express zu verlieren droht, teilweise gar schwarz mitfährt. So berühren sich darin das nationalpatriotische und das transnationale Narrativ und entpuppen sich als zwei Seiten einer eidgenössischen Nabelschau. Daran hat die Klage über das nationale Abseitsstehen kaum etwas geändert. Was sich geändert hat, sind die Stellschrauben der öffentlichen Debatte: Das Lied vom patriotischen Musterknaben ist demjenigen vom ewigen Abschotter gewichen. Man will nach Europa, will mitten hinein, will endlich kein Aussenseiter mehr sein.
1992, als sich die Hoffnung auf eine enge institutionelle Bindung an das europäische Projekt via EWR zerschlug, formierte sich in der Schweiz eine Kulturpolitik, die weniger vom Staat als von den integrationswilligen Teilen des Publikums getragen wurde. Damit sollte die Distanz zwischen der Schweiz und den europäischen Instituti