Tag 0 - Freitag
Die Nachricht
Wie in Zeitlupe sank meine Hand, die das Smartphone hielt, auf die Schreibtischplatte. In meinem Kopf hallten die Worte der Sprachnachricht nach. Mir war, als explodierte in meinem Kopf mit einem Knall ihre Bedeutung. Sie dröhnte in meinen Ohren und erschütterte mich durch Mark und Bein.
Papa hatte sich entschieden zu sterben. Es blieb nicht mehr viel Zeit.
Papa war krank, solange ich mich erinnern konnte. Auch Mama sorgte für so manchen alarmierenden Anruf. Aber mit einer erstaunlichen Zähigkeit hatten sich die beiden stets wieder zurückgekämpft. Mit Schreckensnachrichten umzugehen, wurde mir im Lauf der Jahre beinahe zur Routine. Dennoch war klar: Irgendwann würde der Tag X kommen. Der Tag, an dem es einem der beiden nicht mehr gelingen würde, dem Tod von der Schippe zu springen.
Der Gedanke daran ließ in manchen Stunden die unbequemen Fragen hervorkriechen. Die von der Sorte, die in den hintersten Gehirnwindungen schlummern. Im Alltag sind sie nicht zu hören. Da werden sie vom Rattern des Hamsterrads, in dem wir Tag für Tag unser Bestes geben, übertönt. Doch in den stillen Momenten, in denen das Wesentliche an die Oberfläche drängelt, steigen sie langsam in unserem Inneren empor. So unbequem zu denken. Verängstigend, schmerzhaft.
Wie wird es sein, wenn ein Elternteil stirbt? Wie werde ich die Situation erleben und bewältigen? Werde ich zusammen mit meinen Geschwistern am Sterbebett stehen können? Wird alles gesagt sein, was zu sagen war? Wird Zeit für einen guten Abschied bleiben, oder bricht der Tod wie ein unangekündigter Besucher mitten in der Nacht in unser Leben?
In den letzten Jahren waren es vor allem das geschwächte Herz und die kaum noch arbeitenden Nieren, die Papa zu schaffen machten. Durch das regelmäßige Prozedere der Dialyse1