Kapitel 01 Jetzt schon?
„Sie müssen sich dieser Entscheidung endlich stellen. Wir brauchen Ihre Zustimmung, damit wir die Geräte abschalten können.“ Die Worte kamen wie durch einen langen hohlen Tunnel. Dumpf. Verzerrt. Gilberte hörte sie, irgendwie, von irgendwoher. Und doch klangen sie, als kämen sie von weit weit her, wie ein lang gezogenes Echo, das sich in einem endlosen Tal verirrt hatte. Oder war sie es, die sich verirrt hatte? In ihrer Vorstellung stand sie plötzlich auf einem kargen Gipfel, allein, hoch oben, als hätte sie sich dorthin verirrt. Ausgerechnet sie. Gilberte Demois, deren Liebe zu sportlicher Betätigung sich zeitlebens in eleganten Umgehungsstrategien ausgedrückt hatte. Als würde ihrWandern oder sowas auch nur im Entfernsten liegen. Was also tat sie auf einem Berg? Sie, die sich schon bei leichter Steigung überlegte, ob der Weg nicht vielleicht ein anderer sein könnte. Jemand, der sie ansah, wusste genau, welches sportliche Niveau sie pflegte.
Die Stimme schien surreal. Und doch war da dieser Wind, der über die Steinplatten strich, da war die Weite, die Kälte, die dünne Luft. Und mittendrin hallte wieder diese Stimme.
„Gigi?“, flüsterte jemand neben ihr und rüttelte sanft an ihrem Arm. Sie blinzelte. Einmal. Zweimal. Als würde sie aus einem dichten Nebel auftauchen. Die Realität schlug ihr in der Form von Neonlicht und abgestandener Luft entgegen.
„Gigi“, sagte die Stimme erneut, jetzt etwas bestimmter.
Sie drehte den Kopf.
Der Arzt, dieser Mann mit dem müden Blick und dem zu grossen Kittel sah sie unverwandt an. Es war kein böser Mensch, dieser Mann. Aber er war bloss müde. So erschöpft, dass selbst sein Mitgefühl nur noch ein Schatten war, der in einem dunklen Flur herumspukte.
„Frau Demois“, sagte er, und die Stimme war nun glatter, professioneller, kontrollierter. „Sie wissen selbst, dass Ihre Freundin nicht mehr die Jüngste ist.“
Der Satz schnitt wie ein unscharfes Messer. Unsensibel. Direkt. Nicht mehr die Jüngste. Was sollte das denn heissen? Ein Satz, wie er in diesem Büro vielleicht nicht das erste Mal ausgesprochen wurde. Das waren Räume, in denen die Zeit keine Lust gehabt hatte, weiterzugehen. Gilberte sah sich um.
Der Tisch, an dem sie sass, war vermutlich ein Mahagoni-Überbleibsel aus den späten Sechzigerjahren. Die Bilder an den Wänden, grau verblasste Drucke mit Pseudopoesie in Goldrahmen, wirkten wie das Warten selbst.
Ein Wartezimmer, das sich als Sprechzimmer tarnte. Wie viele Menschen hatten hier wohl schon gesessen? Gewartet? Schlimme Nachrichten erhalten? Oder manchmal auch erlösende? Staub lag in den Ecken. Nicht dieser harmlose, der sich aus Langeweile niederlässt. Sondern der dichte Staub des Vergessens. Selbst die Bücher im Regal, dicke Folianten in brüchigem Leinen, hatten längst aufgehört, etwas sagen zu wollen. Sie hatten kapituliert.
Gilberte atmete ein. Es roch beissend nach Desinfektionsmittel, altem Linoleum und dieser unbenennbaren Mischung, die jedes Krankenhaus umgab wie ein unsichtbarer Mantel: Angst. Endgültigkeit. Zögerliches Hoffen.
„Gigi“, flüsterte wieder eine weibliche Stimme. Sie zwang sich, dem Arzt in die Augen zu sehen.
Da sass jemand neben ihr, den sie nicht wahrnehmen wollte.
Sta