DER BLINDE FLECK DER LINKEN
Warum ausgerechnet jene, die für Menschenrechte kämpfen wollen, beim Thema Judenhass versagen
Der moralische Selbstanspruch – und das große Schweigen
Die Linke liebt die Menschenrechte. Sie trägt sie wie ein Ordensband am Revers, poliert sie bei jeder Gelegenheit und belehrt die Welt, dass Fortschritt, Emanzipation und Solidarität nur durch sie selbst möglich seien. Wer sich links verortet, sieht sich gern als Bannerträger der Humanität, als Anwalt der Entrechteten, als Stimme der Stimmlosen. Nur leider – und das ist die bittere Pointe – wird die Stimme plötzlich heiser, wenn es um Jüdinnen und Juden geht. Noch genauer: Sie verstummt nicht selten, wenn Israel auf der Agenda steht.
Hier liegt er, derblinde Fleck der Linken, und er ist kein kleiner Kratzer auf der moralischen Brille, sondern eine handfeste Trübung, die alles verzerrt. Judenhass gilt auf der Rechten als verachtenswert, als toxisches Erbe des Faschismus. Auf der Linken dagegen hat er sich ein neues Kostüm geschneidert: Er nennt sich Antizionismus, „Israelkritik“ oder postkoloniale Solidarität. Er versteckt sich hinter großen Worten – Befreiung, Gerechtigkeit, Dekolonisierung – und marschiert doch im Takt der ältesten Ressentiments Europas.
Vom Klassenkampf zum Opferwettbewerb
Historisch betrachtet, war die Linke immer stolz darauf, den Nationalismus und damit auch den klassischen Antisemitismus zu überwinden. Der Kapitalismus galt als Hauptfeind, nicht „die Juden“. Doch schon Karl Marx selbst konnte sich antijüdischer Klischees nicht enthalten – man denke nur an seine berüchtigten Schriften über das „Judentum“ als Metapher für Geldgier. Später übernahm die Arbeiterbewegung diesen Widerspruch: offiziell internationalistisch, aber in der Praxis oft voller Vorurteile.
Im 21. Jahrhundert hat sich die Szenerie gewandelt. Der alte Klassenkampf wurde von einer neuen Moralökonomie ersetzt: Wer am meisten leiden kann, wer den größten Opferstatus beansprucht, der gewinnt das Spiel der Aufmerksamkeit. Und da erscheinen die Palästi