Kapitel 1 – Ankunft im System
Teil 1: Der Kreis der Neun sieht alles
Der Nebel hing schwer über dem abgelegenen Tagungshaus, das sich wie ein alter, schweigsamer Wächter zwischen Tannen und Felsen duckte. Alma Varela stand auf dem Kiesweg vor dem Eingang, die Hand noch auf dem Griff ihres Rollkoffers. Schon in diesem Moment wusste sie: Dieser Ort war nicht einfach ein Gebäude. Er war ein Schwellenraum. Ein Dazwischen.
Es roch nach Laub, Stein, Moos – und etwas anderem. Metallisch, Feucht. Schwer zu greifen. Vielleicht war es nur Einbildung. Oder Erinnerung. Hinter den Fenstern: mattes Licht, keine Bewegung.
27 Menschen waren eingeladen worden. Niemand sprach es aus, doch die Zahl hatte Gewicht. Sie entsprach dem Kreis. Dem Raster.
Der Tiefe. Und irgendwo in Alma regte sich ein Widerstand – gerade weil sie wusste, dass sie dazugehört.
In der Eingangshalle empfing sie gedämpftes Licht, das durch hohe Fenster fiel. Der Empfang war unbesetzt. Kein Lächeln, kein Schlüssel, keine Stimme. Nur das leise Summen eines Kühlschranks aus dem angrenzenden Raum.
An der Wand hing ein hölzernes Schild mit eingeritzter Inschrift:
„Der Kreis der Neun sieht alles." Alma runzelte die Stirn. Niemand hatte sie auf eine derart eigentümliche Begrüßung vorbereitet.
Sie war nicht zum ersten Mal auf einem Selbsterfahrungsseminar.
Und doch – diesmal war etwas anders. Etwas Unwirkliches lag in der Luft. Wie ein Schleier über der Wirklichkeit, der sich nicht abschütteln ließ.
Sie zog die Schultern hoch, schüttelte sich unmerklich und stieg die knarzenden Treppen in den ersten Stock hinauf. Auf der Suche nach ihrem Zimmer.Nummer 4.
Der Flur war schmal, die Türen alt, das Licht gedimmt.
Dann hörte sie es: ein leises, rhythmisches Klopfen. Wie Haut auf Holz. Klopf. Klopf.
Sie hielt den Atem an. Es verstummte. Vielleicht ein Heizungsrohr.
Oder jemand, der nervös mit den Fingern auf eine Tischplatte trommelte.
Aber da war es wieder. Klopf. Klopf. Und dann – ein kratzendes Schleifen.
Sie trat näher an eine Tür, aus der das Geräusch zu kommen schien. Die Luft roch hier schärfer. Fast wie Medizin. Ein Hauch von etwas Organischem lag darunter – nicht faulig, aber fremd.
Ihr Herz setzte einen Takt aus.
Dann drehte sie sich abrupt um und ging weiter. Ihre Schritte klangen zu laut auf dem alten Dielenboden.
Im Zimmer angekommen, ließ sie sich aufs Bett sinken. Die Tasche rutschte vom Schoß auf den Boden.
Durch das Fenster sah sie auf das Nachbargebäude. Ein Schatten bewegte sich dort. Für einen Moment war sie sicher, dass jemand sie beobachtet hatte