: Norbert Heinrich Holl
: Zugvögel und Kobolde
: Books on Demand
: 9783695181476
: 1
: CHF 8.80
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 272
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
"Potzblitz, es werde licht", sprach ein Streichholz zum anderen."Es flammet schon himmelhoch", jauchzte das zweite. Ein Brand in der Registratur des Standesamtes stellt das Leben von Renate Krautner auf den Kopf; sie erfindet sich neu, freundet sich mit Walz-Gesellen an und träumt von einer spannenden Zukunft mit fabelhaften Berufen. Jedoch ist bei dem Brand ein Todesfall zu beklagen ... und fortan ist das Leben auch anderer Einwohner der Römerstadt nicht mehr dasselbe wie zuvor. Und dann ist da ja auch noch die vermaledeite Moselerweiterung! Norbert Heinrich Holl hat mit"Zugvögel und Kobolde" einen Roman geschrieben, der zu Recht"Schelmenroman" heißt ... denn er hat so skurrile Momente, dass man glauben möchte, alles habe sich genau so wie beschrieben zugetragen. Und das könnte auch sein, denn es gibt immer Menschen, die mehr scheinen möchten als sie sind, die sich hohe Ziele stecken und sie mit allen Mitteln zu erreichen suchen, und welche, die durch Anbiederung glauben, weiter zu kommen.

Norbert Heinrich Holl studierte in Köln und Paris Jura, wechselte aber nach einer kurzen Zeit als Richter in Köln in den Auswärtigen Dienst. Sein Studium der arabischen Sprache am Middle East Center for Arabic Studies im Libanon schaffte die Voraussetzung für zehn Jahre diplomatische Dienste in verschiedenen islamischen Ländern. 1996 wurde er für zwei Jahre zum Leiter einer UN-Sondermission für Afghanistan berufen. Holl verbringt seinen Ruhestand in der Bretagne. Neben der Diplomatie gehörte seine Leidenschaft schon immer dem Lesen und Schreiben. 2002 berichtete er über seine Afghanistan-Erfahrungen (»Mission Afghanistan«). Seit 2008 hat Norbert Heinrich Holl mehr als ein Dutzend Romane und Erzählungen verfasst.

II


Was für ein Glück, lachte indes das Fräulein Renate Krautner, deren Geburtsurkunde und Passunterlagen bei dem Feuer in der Registratur des Standesamts als erste verbrannt waren und die sich künftig vor allen, die es wagten, sie nach ihrem Alter zu fragen, um vier Jahre verjüngt ausgab. Mit dem neuen Geburtsdatum wurde ihr im Rathaus vom Leiter des Personalbüros unter wortreichen Entschuldigungen für die Unannehmlichkeit und einigen Bücklingen der neue Ausweis überreicht. Er galt fünfzehn Jahre. Die Gleitsichtbrille hatte sie für das Passfoto abgelegt. Im Moment trug sie dunkle Kontaktlinsen, die ihren Rehaugen einen Hauch von Melancholie verliehen. Zumindest hatte der Optiker es ihr mit schmelzendem Lächeln versichert. Hundert anderen Einwohnern mit den Anfangsbuchstaben K und L war es ähnlich ergangen; sie mussten mit Fantasiedaten neu registriert werden, da ihre Geburtsurkunden verbrannt waren. Renate Krautner war nicht die Einzige, die verjüngt wie ein Phoenix der Asche entstieg. Niemand unter den Frauen der Römerstadt nutzte indes die Gunst der Stunde, um sich ein paar Jahre älter zu machen.

Man munkelte sogar, dass saftige Hypotheken und Grundschulden über Nacht getilgt worden waren, ohne dass die Gläubiger einen roten Heller gesehen hätten. Wie war das riesige Unheil, von Schuldnern bejubelt, von Hypothekeneignern beklagt, wie war es möglich, wenn nur ein einziges glimmendes Zündholz auf amtliche Akten fiel? Jahre später wurde sogar ein Fall ruchbar, in dem mit dem Feuer ein ganzer Weinberg mit zehntausend Rebstöcken verschoben worden war. Wurde die Stadt, so fragte die Opposition im Gemeinderat, nicht von gewählten und verantwortlichen Kommunalpolitikern, sondern von anonymen Akten regiert, die niemand zu Gesicht bekam?

Doch die Opposition fand kein Gehör. Nicht ei