Die kollektive Unzufriedenheit
Sind wir in einer Quarterlife-Crisis?
Im Grunde genommen ist alles relativ und unsere Anwesenheit auf diesem Planeten völlig bedeutungslos. Genauso willkürlich wie die Existenz unserer Spezies Homo sapiens. Wir sind alle dank eines riesengroßen Mega-Zufalls zum jetzigen Moment auf dieser Welt, die rein zufällig durch einen noch nie da gewesenen Urknall entstanden ist. Wie viele Monate oder sogar Jahre unseres Lebens verbringen wir damit, uns existenzielle Fragen über unsere Bestimmung zu stellen, die uns das Gefühl von Bedeutung bescheren sollen! Schluss damit. Es gibt keinen tieferen Sinn, kein kniffliges Rätsel, das wir lösen müssen, keinen Zweck, wofür wir wie durch Zauberhand auf diesen zufälligerweise bewohnbaren Planeten gesetzt wurden.
Wie es aussieht – und ganz unsentimental betrachtet –, wird es uns als Art sowieso nicht mehr allzu lange geben. Und ich finde, das ist auch okay so. Wir haben das Menschsein doch ziemlich ausgereizt, findet ihr nicht? Wir fliegen ins Weltall, bauen Computer, die schlauer sind als wir, erfinden Maschinen, die uns allerhand Arbeit abnehmen – wir haben den Höhepunkt unserer Evolution erreicht. Von nun an bauen wir nur noch ab.
Warum aber dennoch nicht alles egal und nichtig ist?
Wir müssen versuchen, den langsamen oder vielleicht doch schnellen Verfall unserer Art für möglichst viele Menschen angenehm zu gestalten und dabei den Schlüssel zu unserem eigenen kleinen Glück nicht aus den Augen zu verlieren.
Oh Gott, das klingt nun ja alles unheimlich pessimistisch. So schlimm ist es aber nicht – wir müssen der Zukunft mit einem zwinkernden Auge und einer großen Portion Optimismus, Tatendrang und Leichtigkeit entgegenblicken.
Ich bin nun 28 Jahre alt. Richtig, ich habe die Vierteljahrhundert-Marke passiert und bewege mich nun, mich mit Händen und Füßen dagegen sträubend, auf den 30er zu. Von einer Quarterlife-Crisis kann also gar nicht mehr die Rede sein. Ich gebe es zu, ich habe Angst vorm Altern. In einer Welt, die so sehr bestrebt ist, die Jugend zu konservieren, läuft die Zeit seit der Pandemie noch schneller, die Probleme auf der Welt fügen sich tetrisgleich zu hohen, lückenlosen Mauern zusammen und wir bekommen nur noch fragmentarisch mit, was alles um uns herum passiert. Es ist schwierig, in solchen Zeiten nicht den Fokus oder den Boden unter den Füßen zu verlieren.
Nachdem ich immer einen Plan gehabt hatte, immer genau wusste, was ich wollte, verlor ich auf einmal jegliche Orientierung und Entscheidungskraft. Ich fragte mich, was ich mit meiner Zeit anfangen sollte und was das alles hier überhaupt für einen Sinn hätte. Ich fing an, mir existenzielle Fragen zu stellen, welchen Bereichen ich in meinem Leben Raum geben wollte, und schwankte minütlich zwischen »Es ist alles gut so, wie es ist, ich muss einfach nur dranbleiben« und »Ich packe meine Sachen, wandere morgen auf eine Insel aus und eröffne eine Strandbar« hin und her. Urplötzlich fehlte mir die Selbstbestimmtheit, und ich brauchte drei verschiedene Meinungen, bevor ich nur den Hauch einer Entscheidung fällen konnte.
Doch genau in dieser Unsicherheit, in diesem Chaos steckt auch Potenzial.Wenn nichts sicher ist, ist alles möglich. Die Qual der Wahl zu haben, befeuert dennoch genau die Angst in uns, etwas zu verpassen.
So eine Mikro-Krise oder Selbstfindungsphase ist wahrscheinlich völlig normal in dem Alter (auf keinen Fall vergleichbar mit einer ernstzunehmenden diagnostizierten psychischen Erkrankung), trotzdem fühlt es sich nach einem »Stecken-geblieben-Sein« an, nach einem »Jetzt-bin-ich-hier-was-nun?«. War der Weg, den ich bis jetzt eingeschlagen habe, der richtige, oder möchte ich mein Leben eigentlich ganz anders definieren und gestalten?
Immer mehr Menschen in meinem Umfeld klagten über die gleichen Gedanken und inneren Konflikte und mir wurde klar, dass es vermutlich sehr vielen von uns gerade ziemlich gleich ergeht. Was wäre, wenn sich vielleicht der Großteil unserer Generation gerade verloren und ohnmächtig fühlte, und was hätte das für unsere Zukunft zu bedeuten?
Vielleicht wisst ihr, wovon ich spreche, vielleicht seid ihr aber auch Teil meiner Elterngeneration und lest dieses Buch, um uns etwas besser zu verstehen, weil ihr euch fragt, was denn um Himmels willen mit dieser jungen Generation los ist?
Die Antwort lautet: Wir wissen es selbst nicht. Andauernd hören wir, wie es früher war: Unsere Boomer-Eltern standen damals bereits mitten im Berufsleben, hatten geheiratet und Kinder bekommen, ein Haus gebaut und hatten klare Visionen und Perspektiven für die Zukunft.
Ich traue mich zu sagen, dass die meisten von uns diese nicht haben. Natürlich gibt es Ausnahmen – die gibt es immer. Aber der Großteil meiner Generation weiß nicht, was er will. Was sollen wir denn heutzutage auch wollen? Zwischen Kriegen, Pandemien, Naturkatastrophen, Inflation und Gasengpässen?
Es ist nicht mehr festgeschrieben,