: Meret Michel
: Beirut Splitter einer Weltstadt
: S. Hirzel Verlag
: 9783777635958
: 1
: CHF 19.50
:
: Politik, Gesellschaft, Wirtschaft
: German

D e tragische Geschichte einer Weltstadt: Beirut und das Schicksal des Libanon vor und nach dem Kollaps

"In Beirut ist die Luft erfüllt von Poesie und Schießpulver, von Liebe und Verzweiflung." – Etel Adnan

Am 4. August 2020 fegte eine gewaltige Explosion vom Hafen Beirut aus über die Hauptstadt des Libanon. Über 200 Menschen starben, Tausende wurden verletzt, hunderttausende Wohnungen zerstört. Es war eine der gewaltigsten Explosionen in der modernen Geschichte – und eine Katastrophe für Beirut, das sich zu jener Zeit bereits in einer historischen Wirtschaftskrise befand.

Die Hafen-Explosion im August 2020 ist der Ausgangspunkt der Erzählung in"Beirut. Splitter einer Weltstadt". In dem Buch führt Meret Michel, die seit vielen Jahren immer wieder in Beirut lebt, durch die Stadtgeschichte. Sie beginnt im 19. Jahrhundert, als Beirut dank der ersten Welle der Globalisierung von einem Provinznest zur wichtigsten Handelsstadt der Region aufsteigt, führt weiter über die goldene Zeit der 1960er, als die Stadt zum intellektuellen Zentrum für linke Bewegungen wurde, über den zerstörerischen Bürgerkrieg, den Aufstieg der Hisbollah bis hin zum letzten Krieg zwischen Israel und der schiitischen Miliz.

Kern der Erzählung sind die Geschichten aus dem Alltag verschiedener Bewohnerinnen und Bewohner Beiruts: Der alteingesessenen Familie Sursock, die mit Beiruts Aufstieg zum Handelszentrum zu Reichtum und Einfluss gelangte. Von Bassam al-Sheikh Hussein, der seine Bank überfiel, um an sein eigenes Erspartes zu gelangen. Oder Monika Borgmann, die dafür kämpft, dass die Mörder ihres Mannes und Hisbollah-Kritikers Lokman Slims zur Rechenschaft gezogen werden. Dabei kehrt die Autorin stets zu derselben Frage zurück, die auch über Beirut hinaus von Bedeutung ist: Was macht einen Ort zu einem Zuhause?

Denn das Kuriose an Beirut ist, dass vermutlich eine Mehrheit der Bewohnerinnen und Bewohner, selbst wenn sie hier geboren wurden und aufgewachsen sind, sich in Beirut letztlich nicht zu Hause fühlen. Die Suche nach Antworten führt zu den inneren Widersprüchen dieser Stadt, die einst als Schmelztiegel, als"Tor zwischen Ost und West" galt, und die heute gerade wegen der unterschiedlichen politischen Narrative so zerrissen ist. Dass die Erzählung dabei bis in die aktuelle Zeit führt, als der Konflikt zwischen Israel und Iran auf einem Höhepunkt steht, macht "Beirut. Splitter einer Weltstadt" zum hochaktuellen Buch – um nicht nur Beirut, sondern die gesamte Region des Nahen Ostens jenseits der Schlagzeilen zu verstehen.



eret Michel ist in Bern aufgewachsen und hat Politikwissenschaft in Zürich und Hamburg studiert sowie Journalismus an der Reportageschule in Reutlingen. Seit 2017 arbeitet sie als freie Reporterin im Nahen Osten, mit Fokus auf Syrien, Libanon und Irak. Ihre Beiträge erschienen unter anderem bei der Wochenzeitung, Republik Magazin, NZZ am Sonntag, SRF, der Zeit und dem Greenpeace Magazin. Ihre Arbeit wurde zweimal mit dem real21-Medienpreis ausgezeichnet (2018 und 2021), zweimal nominiert für den Zürcher Journalistenpreis (2019 und 2021) und einmal für den Deutschen Reporter*innen-Preis (2021). Website der Autorin: www.meretmichel.ch

Einleitung


Ein früher Sonntagmorgen. Ich schließe die Tür zu unserem Haus auf, hieve unseren Koffer über die Schwelle, wir treten ein. Die Wohnung wirkt merkwürdig leer. Den großen Teppich in der Mitte des Raumes hat meine Freundin, die sich in den letzten Monaten um das Haus gekümmert hatte, offenbar weggeräumt. Wie immer, wenn ich von einer Reise zurückkehre, gehe ich zuerst zu der Metalltür hinter dem dunklen Holzschrank im Wohnzimmer, die zur Terrasse hinausführt.

Draußen scheint die Morgensonne auf die gemusterten Keramikplatten. Die Terrasse sieht noch genau so aus, wie wir sie zurückgelassen hatten an jenem Vormittag im vergangenen Oktober, als wir mit unserem Koffer zum Flughafen fuhren und nicht wussten, wann wir wiederkommen würden. Der Holzstuhl, den wir in jenen Tagen des Kriegs vom Wohnzimmer auf den Balkon neben den runden Holztisch gestellt hatten, steht noch an der selben Stelle. Die Aussicht ist wie immer, als wäre nichts geschehen: das rosa gestrichene, alte Haus ein paar Dutzend Meter vor uns, die dicht bebaute Hügelflanke dahinter, links der wild gewachsene Wald an dem abfallenden Hang. Das war es, was ich an diesem alten, renovationsbedürftigen Haus immer so mochte: Es steht zwar mitten in Beirut, im Norden der libanesischen Hauptstadt, wenige Hundert Meter vom Hafen entfernt. Doch das Grün direkt vor uns, die Bäume rund um unseren Balkon und die Hügel dahinter lassen mich manchmal denken, dass wir tatsächlich in einem Haus irgendwo draußen in der Natur leben. Der Verkehr der Stadt ist hier nur ein entferntes Rauschen, unser Haus steht in einer Sackgasse, an deren unterem Ende eine Fußgängertreppe den Hang hinunterführt. Nur die verflossene Zeit hat in unserer Abwesenheit ihre Spuren hinterlassen: Der Plastikstuhl in der hinteren Ecke ist von einer Schicht Staub überdeckt, der Boden übersät von den Blüten und Blättern der Sträuc