Sehnsucht nach daheim
Jolanda, Jahrgang 1937, Obervinschgau
„Hoffen wir, dass dieses Hundewetter bald aufhört“, murmelte der Knecht und blickte angstvoll hinauf auf den Berg. Es regnete bereits seit Tagen ununterbrochen. Heute jedoch war der Himmel nicht grau, sondern milchig hellgelb, und die Luft war warm. „Das gefällt mir gar nicht. Wenn es da oben in den Hängen schauert, dann helfe uns Gott“, flüsterte der Bauer, der das Schauspiel mit ernster Miene beobachtete.
Plötzlich hörten sie ein tiefes Grollen und sahen, wie eine gewaltige Masse aus Erde, Steinen und Geröll unaufhaltsam den Hang hinunterstürzte. Wie Zündhölzer knickten Bäume um und wurden mitgerissen. „Schnell, alle weg von hier!“, schrie der Bauer, so laut er konnte. Die Bäuerin, die mit den Kindern in der Stube gebetet hatte, packte das Kleinste unter ihren Arm, während die anderen Geschwister bereits zum Vater liefen. Sie flüchteten vom Hof und waren vorerst froh, mit heiler Haut davongekommen zu sein.
Am nächsten Tag jedoch erkannten sie das ganze Ausmaß der Katastrophe. Hof und Stadel, alles, was die Familie besessen hatte, war unter einer dicken Schicht aus Schlamm und Steinen begraben und unwiderruflich zerstört. Ohne Heim und Geld waren der Bauer und die Bäuerin gezwungen, als Knecht und Dirne ihr Auskommen zu suchen. Die Kinder traf es noch härter. Sie verloren mit dem Unglück nicht nur ihr Zuhause, sondern auch ihre Eltern. Alle Geschwister wurden getrennt u