: Katharina Michel-Nüssli
: Das Landei in der Stadt Und andere Grenzerfahrungen
: Books on Demand
: 9783769381924
: 1
: CHF 9.70
:
: Lyrik
: German
: 124
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Ein Landei beschloss, die Welt zu entdecken. Es wohnte bislang auf einem abgelegenen Bauernhof in einem Nest aus Stroh. Es hatte noch nicht viel gesehen, aber eines wusste es: Es und seine Gespane glichen sich wie ein Ei dem anderen. Als die Scheunentür offenstand, leuchtete verlockend ein Sonnenstrahl herein. Das Ei nutzte die Gelegenheit und kullerte ins Freie.

Katharina Michel-Nüssli ist am 13. November 1964 geboren, im Tösstal aufgewachsen und lebt im Oberthurgau. Heute arbeitet sie freiberuflich und schafft sich regelmässig Zeitfenster fürs Schreiben. «Das Landei in der Stadt» ist ihr zweites Buch. Wie ihre Texte entstehen? Sie beobachtet. Die Welt. Sich selbst. Oder dich. Wie du lachst, telefonierst, errötest, stolperst. Wie du dich veränderst. Möglich, dass sie dich ungefragt in eine Geschichte eingeflochten hat, ohne dass du etwas davon ahnst. Es sei denn, du erkennst dich beim Lesen wieder.

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Feierabend


Auf der anderen Seite des Flusses, wo Durchreisende keine Häuser vermuteten, da wohnten wir. Vom Wohnzimmerfenster aus konnte man die Autos auf der Hauptstrasse gegenüber zählen, ein Hobby meines jüngeren Bruders, der sie akkurat, nach Marken getrennt, auf einer Liste festhielt. Ebenfalls in Sichtweite zog sich der Schienenstrang der Tösstalbahn dahin. Wenn am Abend der Signalpfiff der Lok ertönte, wusste ich, dass mein Vater bald nach Hause kommen würde. Der Arbeiterzug brachte die Berufstätigen zurück in ihre Dörfer.

«Ist er mit dem Fahrrad oder zu Fuss?», fragte ich meine Mutter. Wenn Vater mit dem Velo am Bahnhof war, galt es, sich zu beeilen. Schnell die Schuhe anziehen. Widerwillig, weil es wertvolle Zeit kostete, schlüpfte ich in die Jacke.

«Zieh den Reissverschluss hoch», mahnte mich Mutter, «du erkältest dich!» Schon war ich weg, die Haustür hinter mir blieb offen. Bis zur Brücke durfte ich Vater entgegeneilen. Natürlich war ich zu früh dort. Ungeduldig hüpfte ich auf und ab, den Blick talabwärts gerichtet. Als er endlich auftauchte, rannte ich über die Brücke, um ihn zu empfangen. Er freute sich jedes Mal, wenn er mich sah. Er hob mich auf das Oberrohr