: Rainer Nübel, Daniel Rölle, Nadia Zaboura
: Medien zwischen Macht und Ohnmacht Wie Journalismus Vertrauen zurückgewinnen kann
: S. Hirzel Verlag
: 9783777636016
: 1
: CHF 23.00
:
: Gesellschaft
: German

Die aktuelle Situation für die Journalisten und die Medien, für die sie arbeiten, könnte kaum ambivalenter sein: Gerade jetzt, in Zeiten von Fake News, strategischer Verkürzung von Narrativen in populistischen Kreisen sowie von Verschwörungsnarrativen sind journalistische Funktionen und Kompetenzen für eine „redaktionelle Gesellschaft" (Bernhard Pörksen) evident wichtig. Dazu zählen maßgeblich eine fundierte Recherche und neutrale Informierung, unparteiische Vermittlung, sachliche Analyse, aber auch professionelle Prüfung und Bewertung von Quellen, Trennung von Nachricht und Meinung sowie Aufklärung und Kontrolle. Sie sind prägend für das berufliche Selbstverständnis sehr vieler Journalisten. Doch gerade jetzt, in Zeiten des großen Wandels, befinden sich die Medien nach Einschätzung zahlreicher Kommunikations- und Medienwissenschaftlern in einer gravierenden Krise, die Journalisten als berufliche Profis und auch ganz im persönlichen Sinne trifft.

Medien lassen niemanden kalt. Viele regen sich auf, dass mal wieder Falsches in der Zeitung steht. Andere halten Journalisten für viel zu mächtig. Und mancher philosophiert polemikgewandt, Massenmedien würden die Demokratie schädigen, während anderswo „Lügenpresse" skandiert wird.

Dieses Buch verbindet Medienpraxis, -analyse und -kritik mit Medienbildung und journalistischer Transparenz, Reflexion und Ratgeber-Inhalten. Dabei soll es in Inhalt und Tonalität die heutigen Hauptaufgaben von Journalismus spiegeln: fundierte Informierung, anregende und perspektivenreiche Meinungsbildung – und anspruchsvolle Unterhaltung. Da journalistische Arbeit und deren Rezeption als Thema für die gesamte Gesellschaft relevant ist, zumal mit Blick auf den Umstand, dass in digitalen Zeiten potenziell alle publizierende, Kommunikatoren, also Journalisten sind, richtet sich das Buch an ein breites Publikum.



Prof. Dr. Rainer Nübel arbeitet seit 30 Jahren journalistisch, zuletzt 19 Jahre für den stern, seit 2019 lehrt er als Professor für Medien- und Kommunikationsmanagement an der Hochschule Fresenius Heidelberg und ist deren Vizepräsident. Noch immer ist er Mitglied der Reportageagentur Zeitenspiegel. Er ist Autor, Co-Autor und Mitherausgeber diverser Sachbücher, darunter „Anklage unerwünscht“ (2007, Eichborn), „Aufbrechen“ (2012, Klöpfer& Meyer), „Geheimsache NSU“ (2014, Klöpfer& Meyer), „Hinter den Zeilen“ (2016, Klöpfer& Meyer) und „Ende der Aufklärung“ (2018, Edition Klöpfer). 2008 wurde er zusammen mit Autorenkollegen als „Journalist des Jahres“ in der Kategorie Regionale Autoren ausgezeichnet (Buch „,Wir können alles‘. Filz, Korruption und Kumpanei im Musterländle“, Klöpfer& Meyer). Zuletzt erschien von ihm und seiner Heidelberger Kollegin Susanne Doppler „Storyporting. Wie aus Storytelling und Reporting einer konstruktive Kommunikationsform entsteht“, UVK).

Spiegelungen


Dieser verdammte Einstieg. Er muss knackig sein, »sexy«, wie manche journalistischen Lehrmeister und Ressortchefs gerne zu sagen pflegten. Die ersten Szenen sollen die Leser hineinziehen in die Geschichte, sie mitnehmen auf eine Reise voller Spannung, Gefühle, menschlicher Schicksale, auch Dramatik und überraschender Wendungen. Aber bloß nicht zu viele Szenen und Protagonisten. Das verwirrt das Publikum, dann steigt es aus, bevor die Story richtig begonnen hat. Und die ganze Recherche, die manchmal Wochen, ja Monate gedauert hat, ist für die Katz. Vielleicht ein schicker Cliffhanger gleich am Anfang, der so viel Spannung aufbaut, dass der Leser gar nicht anders kann als weiterzulesen. Wie bei einer starken Filmserie. Oder gleich wie beim Blockbuster.

Wie oft saß ich in den vergangenen 30 Jahren des Journalisten-Daseins vor dem wortlosen Screen meines Laptops, am Anfang noch vor der Schreibmaschine, und rang um diese ersten Szenen und Sätze. Stundenlang, manchmal auch einen ganzen Tag. Oft dauerte der Einstieg länger als die halbe oder ganze Geschichte. Von wegen Cliffhanger! Nicht selten hängte sich mir eher das Hirn aus. Auf jeden Fall sollten die ersten Passagen doch gut geschrieben sein, das ist das Mindeste. Noch besser wäre es, wenn es stilistisch und sprachlich perlt, die Feder edel ist. Immerhin gilt die Reportage, die journalistische Stilform des Storytellings, als Königsdisziplin medialen Schaffens. Jedenfalls haben dies jahrzehntelang die Großmeister der schreibenden Zunft und so mancher Medienwissenschaftler behauptet. Seit dem Skandal um zahlreiche Fake-Reportagen des dauerpreisgekrönten Spiegel-Redakteurs Claas Relotius im Jahr 2018 sind sie in der Hinsicht zwar etwas schmallippiger, wenn nicht soga