1 – León
Das vom Leben gezeichnete Gesicht einer alten Frau näherte sich Johannes Winter, ganz langsam, aber unaufhaltsam. Ihre Augen, tief und unergründlich, starrten ihn an, während sie sich immer mehr in sein Blickfeld schob. Ihr Haar war grau, zerzaust und unordentlich, und sie trug eine hellgrüne OP-Maske, die ihr Gesicht fast vollständig verhüllte. Wer war sie? Johannes konnte sich nicht erinnern, sie jemals gesehen zu haben. Doch da war etwas an ihrem Blick, das ihm bekannt vorkam, etwas, das sich wie eine schwer lastende Erinnerung anfühlte.
Plötzlich sprach sie laut zu ihm: „Wo warst du, als ich dich gebraucht habe?“ Ihre Stimme schnitt wie ein Messer durch die Stille. Johannes wollte zurückweichen, doch sein Körper gehorchte ihm nicht. Er wollte antworten, doch kein Laut kam über seine Lippen. Es war, als ob seine Stimme erstickt worden wäre, gefangen in seiner Kehle. Das Gesicht kam immer näher, fast berührte es seine Nase. Der Raum um ihn herum schien sich zu verengen, bis es plötzlich still war.
Und dann war sie weg. An ihrer Stelle stand nun Carmen, seine Frau. Ihre Augen, die die gleichen schmerzlichen Fragen stellten, wie die der alten Frau, durchbohrten ihn mit einem unverhohlenen Vorwurf. „Ich hätte dich so dringend gebraucht. Wo warst du?“ Ihre Stimme war leise, aber der Schmerz darin laut genug, um ihn wie ein Schlag zu treffen. Johannes wollte einige Worte sprechen, doch seine Lippen blieben stumm. Verzweiflung kroch in ihm hoch. Warum konnte er nichts sagen? Warum konnte er ihr nicht erklären, was er nicht einmal selbst verstand?
Plötzlich tauchte Larissa auf, seine zehnjährige Tochter. Sie stand neben Carmen, ihre Augen fest auf ihn gerichtet. Ihr Blick war unerbittlich, bohrte sich wie ein scharfer Pfeil in seine Seele. Lange Stille. Nur das schwere, durchdringende Anstarren,