In den kommenden Wochen schien das Leben in der Bibliothek fast zu schön, um wahr zu sein. Ich fand schnell meinen Platz, lernte die Abläufe kennen und knüpfte erste Freundschaften mit einigen meiner Kollegen. Doch am meisten zog es mich ins Archiv – zwischen die alten, wertvollen Bücher. Dort konnte ich stundenlang versinken, um mich in den Geschichten zu verlieren, die in den zerbrechlichen Seiten lebendig wurden. Jakob hatte mir inzwischen dasDu angeboten und vertraute mir rasch eigene Aufgaben an. Ich empfand es als eine echte Anerkennung. Das Archiv selbst lag im Untergeschoss, abgeschirmt vom hektischen Treiben im oberen Bereich der Bibliothek. Oft bekam ich von all dem kaum etwas mit. Gelegentlich wurde ich gebeten, beim Einsortieren neuer oder zurückgebrachter Bücher zu helfen, aber meistens war ich alleine in meinem ruhigen Reich, umgeben von alten Geschichten. Doch heute war einer dieser Tage, an denen ich aushelfen sollte.
Eine neue Lieferung mit Büchern für die Hauptbibliothek war eingetroffen und Frau Herzog hatte mich gebeten, beim Einsortieren zu helfen. Während ich einen hohen Stapel Bücher zu einem der Transportwagen balancierte, war ich tief in Gedanken versunken. Mein Kopf war noch immer bei dem alten Manuskript, das ich vorhin im Archiv durchgesehen hatte. Die kunstvoll geschwungenen Buchstaben, die leicht verblasste Tinte, die Geschichte, die in den vergilbten Seiten steckte. All das hatte mich völlig in den Bann gezogen. Vielleicht war es genau dieser gedankenverlorene Zustand, der mich nicht bemerken ließ, dass sich jemand aus einer der Regalreihen näherte – bis es zu spät war. Plötzlich stieß ich gegen eine feste Gestalt, und bevor ich reagieren konnte, rutschten mir zwei der oberen Bücher aus den Armen. Mit einem dumpfen Knall landeten sie auf dem Boden.
Ein erschrockener Atemzug entwich mir, während ich die restlichen Bücher fester umklammerte und sie hastig auf dem Transportwagen ablegte.
»Tut mir echt leid! Ich war in Gedanken be