: Inge Christine Ivanov
: Antifeminismus in Debatten um genderbewusste Sprache Eine Diskursanalyse zu Sprachpflegevereinen in Deutschland, Österreich und der Schweiz
: Walter de Gruyter GmbH& Co.KG
: 9783111708133
: Diskursmuster / Discourse PatternsISSN
: 1
: CHF 106.40
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: Kommunikationswissenschaft
: German
: 418
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB

Die Arbeit untersucht die Debatte um genderbewusste Sprache aus diskursanalytischer Perspektive, mit Fokus auf antifeministische Muster. Analysiert wurden Beiträge aus Vereinszeitschriften dreier Sprachpflegevereine aus Deutschland, Österreich und der Schweiz von 1990 bis 2020. Die qualitative diskurslinguistische Mehrebenenanalyse umfasst die strukturorientierte Untersuchung des Diskursverlaufs, bei der zentrale diskursive Ereignisse und Schlagwörter identifiziert werden. Diese Begriffe dienen nicht nur der Benennung, sondern bewerten genderbewusste Sprache und verknüpfen den Gegenstand mit anderen antifeministischen Debatten. Auf der Ebene von konzeptuellen Metaphern wird genderbewusste Sprache häufig als Abweichung vom 'Normalen' dargestellt. Kontextspezifische Topoi thematisieren Verständlichkeit, Lesbarkeit oder inszenieren genderbewusste Sprache als Einschränkung der Freiheit. Insgesamt zeigt sich eine dualistische Diskursstruktur, mit der genderbewusste Sprache als Gefahr für die Sprache und Geschlechterverhältnisse dargestellt wird. Zentral ist die Konstruktion der 'totalitären Feministin' als Feindbild, das alle Kritik bündelt und symbolisiert.

Einleitung


Glaube nicht, es muss so sein, weil es so ist und immer so war.

Unmöglichkeiten sind Ausflüchte steriler Gehirne. Schaffe Möglichkeiten.

(Hedwig Dohm)

Die Ungleichheit der Geschlechter in unserer Gesellschaft,

die nach wie vor ungebrochene Dominanz des Männlichen,

lässt sich wohl an nichts deutlicher zeigen als an der Sprache.

Nirgends begegnen wir einem so hartnäckigen Widerstand gegen jede Bewusstmachung

wie gerade bei der Sprache – und zwar Widerstand von Männern wie von Frauen.

(Elfriede Huber-Abrahamowicz in der NZZ am 05. Oktober 1991)

Kaum ein sprachliches Thema wurde und wird im Deutschen so kontrovers und emotional in der Öffentlichkeit diskutiert wiegenderbewusste Sprache.1 Es vergeht kein Tag, an dem nicht ein Beitrag zumGendern2 in der Zeitung, im Fernsehen, im Radio oder in den sozialen Medien erscheint und wiederum neue Kommentare und Debatten entfacht.3 In den vergangenen Jahren hat die öffentliche und politische Auseinandersetzung dabei an Intensität, aber auch an Drastik zugenommen.4 Neben dem Versuch einer sachlichen metasprachlichen Auseinandersetzung mit den Zielen und Möglichkeitengeschlechtergerechter Kommunikation werden mit Bezeichnungen wieGenderideologie oderGenderwahn antifeministische „Kampfbegriffe“ (Mayer, Ajanovic& Sauer 2018: 37) rezipiert. So wird die Debatte diskursiv an die seit Mitte der 2000er-Jahre zugenommenen öffentlichen Angriffe auf die Geschlechterforschung und Gleichstellungspolitiken angeschlossen (vgl. Henninger& Birsl 2020; Näser-Lather, Oldemeier& Beck 2019;Roßhart 2007) und die wissenschaftliche, politische sowie alltagspraktische Auseinandersetzung mit dem ThemenkomplexSprache,Sprechen undGeschlecht delegitimiert und diskreditiert. Genderbewusste Sprache stellt damit, so meine These, einen Kristallisationspunkt von gegenwärtigem Antifeminismus dar oder anders formuliert, in der Debatte um genderbewusste Sprache artikuliert sich Antifeminismus.5

Wie im Eingangszitat der österreichisch-schweizerischen Schriftstellerin Elfriede Huber-Abrahamowicz aus dem Jahr 1991 deutlich wird, handelt es sich jedoch keineswegs um eine neue Debatte, denn bereits seit über 50 Jahren beschäftigen sich (feministische) (Sprach-)Wissenschaftler✶innen und Aktivist✶innen mit der Notwendigkeit und den Möglichkeiten einergerechten und respektvollen Ansprache der Geschlechter. Zunächst ging es in der Diskussion um diesprachliche Gleichstellung von Frauen. Hierzu wurden verschiedene sprachliche Mittel vorgeschlagen, mit denen Frauen sprachlich ‚sichtbar‘ gemacht werden und die Sprache im Sinne einer aufklärerischen Sprachkritikgeschlechtergerechter gestaltet werden sollte (vgl. Schoenthal 1989). Mit der Rezeption konstruktivistischer Theorien zu Geschlecht rückte zunehmend die