1 Aspekte des Neuchalcedonismus als theologische Grundlage
Der griechische Begriffenergeia (ἐνέργεια), lateinischoperatio, actio, efficacia, im Deutschen üblicherweise mit Wirken, Wirksamkeit, Tätigkeit oder Aktivität wiedergegeben, stand zusammen mit dem Willensbegriff, griechischthelēma/thelēsis (θέλημα/θέλησις), im Zentrum einer theologischen Kontroverse des 7. Jahrhunderts, die sich zu einer kirchlichen Krise mit einem zeitweisen Schisma, staatlichen Gesetzen zu theologischen Sprachregelungen, Synoden, Hochverratsprozessen mit drakonischen Strafen und einer präzedenzlosen Zahl an Anathematismen auswuchs. Die Dramatik der Ereignisse erklärt sich neben manch anderen Ursachen daraus, dass der Streit ins Zentrum des christlichen Glaubens zielte. Denn in der Frage, wie das Wirken und Wollen Jesu theologisch korrekt zu beschreiben sei, ging es um das sachgemäße Verständnis der Person Jesu Christi. Seit den ersten Jahrhunderten stand folgende Frage im Zentrum der christlichen Theologie: Wie kann das im Leben, Wirken, Sterben und Auferstehen des Menschen Jesus Christus geglaubte und bekannte Wirken Gottes dem apostolischen Zeugnis entsprechend denkerisch stringent und plausibel beschrieben und ins Verhältnis zu seinem Menschsein gesetzt werden? Im Kern waren damit drei Fragestellungen gegeben: 1. Wie verhalten sich die im Neuen Testament überlieferten sogenannten Hoheits- und Niedrigkeitsaussagen zueinander?1 2. Wie sind die damit verbundenen Extreme so zu denken, dass darüber nicht die Einheit der Person Jesu verloren geht? 3. Wie kann Göttliches und Menschliches im Wirken Jesu so ausgesagt werden, dass sein wahres Menschsein nicht in Frage gestellt wird? Bei der denkerischen theologischen Beantwortung dieser Fragen, die erst seit dem 17. Jahrhundert mit dem Begriff „Christologie“ bezeichnet wird,2 waren zwei Irrwege von vornherein ausgeschlossen. Ausgeschlossen waren alle Aussagen, die um der Einheit willen von Göttlichem und Menschlichem in der Person Jesu und seinem Wirken diesen als ein „Zwischenwesen“ zwischen Gott und Mensch erscheinen ließen. Ebenso auszuschließen waren Aussagen, die das Niedrige und Hohe so weit voneinander trennen, dass die Einheit der Person gefährdet ist und das Göttliche und Menschliche auseinanderzufallen drohte – schlimmstenfalls in zwei getrennte Individuen. Für diese beiden auszuschließenden Irrwege stehen traditionell die Namen des Konstantinopler Archimandriten Eutyches (ca. 370 – nach 451) und des Konstantinopler Erzbischofs antiochenischer Herkunft Nestorius (ca. 381 – ca. 451).
Die christliche Theologie der ersten Jahrhunderte hat sich bei der Beantwortung dieser Grundfragen der in der Philosophie bereitliegenden Begriffe und Kategorien bedient. So hat das 4. Ökumenische Konzil von Chalcedon im Jahr 451 zur Lösung dieser Aufgabe in seiner dogmatischen Definition (Horos)3 den ontologischen Begriff der „Natur“ (φύσις/physis) herangezogen und formul