Kapitel 1
Man gewöhnt sich einfach nie daran. Auch beim einundfünfzigsten Mal tut es noch weh.
»Töten Sie mich auch! Töten Sie mich, Sie Unmensch – der Sie ein unschuldiges Tier schlachten können, ohne dass Ihre Hand zittert! Oh, ich hasse und verabscheue Sie; zwischen uns ist Blut! Ich verfluche die Stunde, da ich Ihnen begegnete, ich verfluche ...«
»Ja, vielen Dank, Frau ... ähm ... Vorbau, wir melden uns dann bei Ihnen«, ertönt die Stimme von Herrn Gerber, Dramaturg des Glockenwall-Theaters Hamburg. Gerade noch bin ich als August Strindbergs »Fräulein Julie« vor den sterblichen Überresten meines geliebten Zeisigs auf die Knie gesunken. Doch nach dieser unsanften Unterbrechung verwandele ich mich wieder in mich selbst zurück: Jennifer Vorbau. Jaja, ich weiß, rasend komisch! Es ist schrecklich, Vorbau zu heißen! Aber noch schrecklicher ist es, Vorbau zu heißen und Körbchengröße 75A zu haben. Manchmal B! Vor den Tagen!
Ich blinzele in den mit roten Polstersesseln bestückten Zuschauerraum. Die Scheinwerfer blenden, sodass ich nur Umrisse erkennen kann.
»Ich könnte auch noch die Doris aus ›Das kunstseidene Mädchen‹ vorspielen«, biete ich zaghaft an.
»Nein, nein, danke«, wehrt Herr Gerber ab.
»Oder ein Chanson vorsingen?«, schlage ich mit dem Mut der Verzweifelten vor.
»Wir haben gesehen, was wir sehen wollten. Danke.«
Mit diesen schon leicht ungehaltenen Worten wendet er sich dem Regisseur zu, der ebenfalls im Zuschauerraum sitzt. Ich bin abgemeldet. Frustriert fange ich an, meine Requisiten in die mitgebrachte Sporttasche zu stopfen: den Vogelkäfig, den mit Ketchup präparierten Stoffwellensittich, den Seidenschal und die Lackhandtasche für die Doris, wenn ich sie denn hätte spielen dürfen.
Das Theater sucht eine Besetzung für die Liza in Bernard Shaws »Pygmalion«. Ich wäreideal für diese Rolle: klein, zierlich, mit grünen Augen und ewig zerzaustem blonden Kurzhaarschnitt. Also, ich habe mir die Liza zumindest immer genau so vorgestellt! Wenn das doch bloß jemand anderes außer mir auch so sehen würde. Die beiden reizenden Herren im Zuschauerraum tun es jedenfalls nicht. Man braucht kein Hellseher zu sein, um das zu wissen. Nach dem fünfzigsten Vorsprechen hat man das so langsam raus. Wenn sie nur zwei, dieses Mal eigentlich nur eineinhalb Rollen von dir sehen wollen, dann mögen sie dich nicht. Immerhin konnte ich Prinzessin Eboli aus Schillers »Don Carlos« zeigen. Dummerweise war ich aber so aufgeregt, dass die komplett danebenging. Ich beschließe, die Reihenfolge meiner Rollen beim nächsten Vorsprechen zu ändern.
So, ich bin fertig, habe meine Sachen gepackt und stehe etwas unschlüssig und noch immer in dem altmodischen, dunkelblauen Reisekostüm mit dem steifen, weißen Rüschen