Prolog
Mai 1969
Die jungen Wanderer machten oben auf dem Hügel halt. Ein Otter, der ihnen den Graben entlang gefolgt war, verschwand verstohlen im Gebüsch. Patricia sah gerade noch den Schwanz, lachte und drehte sich zuPaddy um. »Jetzt ist er fort, der neugierige Kerl!«
Er umfasste sie mit beiden Armen, und sie lehnte sich an ihn; die Aussicht, den ganzen Abend, die ganze Nacht mit ihm allein zu verbringen, machte sie nervös. Doch beide ließen sie diese Tatsache unerwähnt, benahmen sich vielmehr, als unternähmen sie nur einen Tagesausflug. Im Magen hatte Pat aber ein flaues, freischwebendes Gefühl, als wäre sie mit dem Auto zu schnell über einen Buckel gefahren.
Es war ein schöner Sommerabend. Hinter ihnen lag die warme Teerstraße, die über Laragh nach Annamoe und Roundwood und weiter nach Dublin führte. Zur Rechten ging es hinauf zur Wicklow Gap. Vor ihnen lag Glendalough. Hier, in diesem geschützten Tal der zwei Seen zwischen den Bergen hatten die Mönche vor über tausend Jahren ihre Kapellen und Einsiedeleien errichtet. Hier, oberhalb der Klosterruinen, wollten Patricia undPaddy ihr Zelt aufschlagen.
Mit dem Bus waren sie nach Laragh hinausgefahren, und von dort war es nur noch ein Fußmarsch von etwa einer Meile bis zum Tal der zwei Seen.
Als Kinder waren sie oft mit der Familie in Glendalough gewesen, mit Eltern und Großeltern; sommerliche Sonntagsausflüge mit Tee und Gebäck, Geschwisterstreit und Übelkeit bei der Heimfahrt im Auto über die kurvenreiche Militärstraße nach Rathfarnam. Aber jetzt waren sie frei. Sie trugen Jeans und hatten Rucksäcke, in denen Schlafsack, Zelt und Verpflegung untergebracht waren.
Von ihrem Standort aus sahen sie das Tal unter sich und dahinter den Berg mit dem jähen Steilhang.
»Ist das nicht schön?«, meintePaddy mit ausladender Geste. »Kein Wunder, dass man Wicklow den Garten Irlands nennt.«
»Als ich ein Kind war«, meinte Patricia, »ist mir das nie aufgefallen. Aber jetzt finde ich es atemberaubend.«
Sie kamen zum Royal Hotel, wo sie abbogen und die Stufen zum Klosterfriedhof hinaufstapften. Auf dem Friedhof sahen sie sich den Rundturm aus dem elften Jahrhundert an, der den Mönchen einst Zuflucht vor Plünderern geboten hatte, die Ruinen der ersten Kirchen und das uralte keltische Hochkreuz.Paddy schlang die Arme um den Längsbalken aus gemeißeltem Kalkstein.
»Wenn man ihn so umarmen kann, dass sich die Fingerspitzen berühren, wird man eine glückliche Ehe führen! Sagt die Legende.« Lachend versuchte sie es, aber auch ihr gelang es nicht. »Dafür braucht man Arme wie ein Neandertaler!«
Sie ließen die Grabsteine hinter sich, überquerten die Brücke und gelangten dann auf den Waldweg. Der Pfad führte am Ufer des unteren Sees entlang durch Eichen, Birken, Hasel- und Sanddornsträucher. Es war sechs Uhr; kaum jemand war jetzt noch unterwegs. Patricia hatte ihrer Mutter erzählt, sie ginge mit ihrer Freundin Bernadette zum Zelten.
»Morgen bin ich wieder da.«
»Wo wollt ihr hin?«
»Glendalough.«
»Ist das denn nicht gefährlich?«
»Natürlich ist es nicht gefährlich ...«
»Mir gefällt es nicht, dass du zelten willst. Was ist, wenn ihr auf irgendwelche unangenehmen Typen stoßt? Damals in England, während des Krieges ...«
Ihre Mutter war Engländerin und hatte allzu vieles noch lebhaft in Erinnerung. Pat seufzte laut auf. »Ach, Mama, der Krieg ist vorbei ... Das hier ist Irland, und wir haben Mai 1969.«
Ihre Mutter zögerte; sie wollte sich nicht auf einen Streit einlassen. Patricia wusste, dass ihre Mutter sie für eigensinnig hielt; oft genug hatte sie mit angehört, wie ihre Mutter sich bei Pats Vater darüber beklagte: »Das Mädchen ist so eigensinnig! Sie lässt sich einfach nichts sagen!« Aber diesmal erhob ihre Mutter keine weiteren Einwände. »Zieh dich warm an. Nachts kann es ziemlich kalt werden«, war alles, was sie sagte.
»Keine Sorge. Der Wetterbericht ist gut.« Pat warf einen hastigen Seitenblick auf ihre Mutter dort in der Küche. Neben der Tür hing ein Spiegel, der früher ein Pub verschönert hatte, ein alter Spiegel, a