4. Das Thema „Familieninszenierung“
Kindheit und Jugend sind die wichtigsten und einflussreichsten Lebensjahre für die Prägung unserer Persönlichkeit und unserer Gesundheit. Diese entscheidenden Phasen erleben die meisten Menschen in einer mehr oder weniger großen Familie – oder in familienähnlichen sozialen Systemen. Spätestens seit den Erkenntnissen der systemischen Familientherapie wissen wir, dass die Menschen in einer Familie immer gemeinsam die Atmosphäre des Zusammenlebens erzeugen, in der der Einzelne dann gedeihen muss.
Wir vergleichen in diesem Buch diese Atmosphäre mit der von Theaterstücken oder Filmen. In einem richtigen Krimi muss beispielsweise ein kluger und mutiger Detektiv auftauchen. Doch diese Rolle allein wäre absolut nichtssagend, wenn es nicht auch noch die Täter-Opfer-Konstellation gäbe. Die Fähigkeiten des Detektivs verblassen, wenn keiner den Mörder spielt. Erst die Kombination dieser Grundelemente sorgt dafür, dass das richtige Krimi-Gefühl entsteht. Genauso gibt es für andere Atmosphären die entsprechenden „Grundrezepte“: Drama, Horrorfilm, Lustspiel, Satire, Operette, Volksstück, Seifen-Oper, Liebesfilm usw.
Die Kinder in realen, tagtäglichen „Familien-Inszenierungen“ werden nicht von nur einzelnen Menschen, wie etwa der viel zitierten Bezugsperson, geprägt. Was uns alle viel mehr prägt, ist das komplette Stück, welches die Familie aufführt.
Wenn wir erwachsen werden, nehmen wir nicht nur unsere eigene Familienrolle mit ins Leben, sondern die komplette Familieninszenierung mit allen Rollen. Unser Gehirn „speichert“ diese Aufführung als ein komplettes Gedächtnissystem auf der Basis neuronaler Verknüpfungen. So wird die Ursprungsfamilie zu einem Bestandteil unserer Gehirnzellen, unserer Neurologie und somit unseres Organismus. Dieses „Stück“ prägt unser Denken, die Reaktionen des Körpers, unsere Gesundheit und die sozialen Kontakte, die wir später haben. Die Grundprägungen „zaubern“ in das scheinbar ausgeglichene Leben vieler Menschen oftmals unangenehme Überraschungen, die sie sich meistens selbst nicht erklären können. Ein dünner junger Mann wird nach der Heirat schlagartig dick. Ausgerechnet im Traum-Studium reagiert ein früher stets leistungsfähiger Student plötzlich mit Konzentrationsschwächen und Denkblockaden. Eine Ehefrau wird depressiv, als der Mann für die Familie ein schönes Haus kauft. Nach einem Umzug in eine neue Stadt bekommt ein zuvor völlig gesunder Familienvater Heuschnupfen. Eine Speditionskauffrau hat stets ein „dickes Brett vor dem Kopf“,