2. Das Konzept: Von der Vermeidung zur Annäherung
Nach der Prüfung der Anforderungen und Sichtung vorhandener Ansätze möchte ich Ihnen in diesem Kapitel die Entwicklung des theoretischen Konzeptes für die Gruppe der Grundversorgung vermitteln. Es stellt die theoretische Grundlage für das abKapitel 5 beschriebene Gruppenmanual dar.
2.1 Prozessbasierte Auswahl
Einen Versuch, aus der Vielzahl der oben beschriebenen verhaltenstherapeutischen Ansätze ein Vorgehen zu entwickeln, halten Sie hier in den Händen. Es wäre falsch zu behaupten, dass dieses Konzept rein theoriegeleitet entwickelt wurde. Vielmehr ist es auch aus der therapeutischen Erfahrung der Autorin entstanden.
Eine Inspiration bei der Strukturierung des Konzeptes war jedoch die Prozessbasierte Psychotherapie (PBT; Hofmann& Hayes, 2021; Svitak& Hofmann, 2022), die ein Metamodell zur Auswahl von therapeutischen Ansatzpunkten bieten will.
Vertiefung
Prozessbasierte Psychotherapie
Die Prozessbasierte Psychotherapie wurde entwickelt, um der Komplexität und Dynamik psychischer Störungen besser gerecht zu werden. Der Blick wendet sich nicht mehr auf die Symptome, sondern auf die zugrunde liegenden interagierenden Prozesse. Diese laufen meist unauffällig im Hintergrund ab (stabiles funktionales System), und erst, wenn die Prozesse gestört werden und dann das ganze psychische System ins Wanken gerät (pathologisches Netzwerk), zeigen sich Symptome. Ziel der Prozessbasierten Therapie ist es, die relevanten Prozesse zu erkennen und zu beeinflussen, die das pathologische Netzwerk stabilisieren und am Laufen halten. Es kann verfahrensübergreifend als Metamodell für die Behandlungsplanung genutzt werden. (Hofmann& Hayes, 2021; Svitak& Hofmann, 2022).
Die grundlegende Überlegung der Prozessbasierten Psychotherapie ist eine evolutionäre: Therapiebedarf entsteht, wenn ein Anpassungsprozess nicht gelingt. Bei der Anpassung helfen, in der Evolution wie in der Therapie, die drei Prozesse:Variation,Selektion undAufrechterhaltung.
Schauen wir uns diese genauer an: In der Natur entsteht ein Anpassungsdruck, wenn sich Umgebungsbedingungen ändern, wie zum Beispiel ein trockeneres Klima. Pflanzen oder Tiere besitzen über die Population hinweg unterschiedliche Eigenschaften oder haben eine Auswahl an Verhaltensweisen zur Verfügung. So kann ein Teil der Population aufgrund einer Genvariante mehr Wasser in seinen Blättern speichern, ein anderer Teil kann tiefer wurzeln. Es gibt innerhalb der Population eine Variation. Diejenigen, welche die in dieser Umgebung vorteilhaftesten Eigenschaften mitbringen, überleben. Das ist die Selektion. Die Individuen der Population, die am besten angepasst sind, geben diese Eigenschaft an die nächste Generation weiter, sie bleibt in der Population aufrechterhalten.
Wie kann man dieses Modell nun auf den Therapieprozess anwenden? Ein Unterschied zur Evolution ist natürlich, dass es um einen einzelnen Menschen geht, nicht um eine Population. Aber auch ein Mensch muss sich an veränderte Umgebungsbedingungen und Anforderungen in seinem Leben anpassen. Das gelingt meist gut. Der Mensch ist nicht umsonst eines der anpassungsfähigsten Lebewesen der Erde und deshalb auch so weit verbreitet (Roberts& Stewart, 2018). Wenn jedoch ein Anpassungsprozess nicht gelingt, entsteht ein Leidens