Mai 1916
Gruß an Hofmannsthal
Ich weiß nur, dass Sie in Waffen sind, lieb er Hugo, doch niemand kann mir sagen, wo. So will ich Ihnen durch die Zeitung schreiben. Viel leicht weht's der liebe Wind an Ihr Wachtfeuer und grüßt Sie schön von mir.
Mir fällt ein, dass wir uns eigentlich niemals näher waren, als da Sie Ihr Jahr bei den Dragonern machten. Erinnern Sie sich noch? Sie holten mich gern abends ab und wir gingen zusammen und ich weiß noch, wie seltsam es mir oft war, wenn wir im Gespräch immer höher in die Höhe stiegen, über alle Höhen uns verstiegen, und dann mein Blick, zurückkehrend, wieder auf Ihre Uniform fiel; sie passte nicht recht zu den gar nicht uniformen Gedanken. Im Oktober werden's zwanzig Jahre! Seitdem ist man „berühmt“ geworden, es hat uns an nichts gefehlt, aber wer wagt zu sagen, dass diese zwanzig Jahre gut für uns waren? Wie sind sie jetzt plötzlich so blass geworden in diesem heiligen Augenblick! Es war eine Zeit der Trennung, der Entfernung, der Vereinsamung; jeder ging vom anderen weg, jeder stand für sich, nur für sich allein, da froren wir. Jetzt hat es uns wieder zusammengeblasen, alle stehen füreinander, da haben wir warm. Jeder Deutsche, daheim oder im Feld, trägt jetzt die Uniform. Das ist das ungeheure Glück dieses Augenblicks. Mög es uns Gott erhalten!
Und nun ist auf einmal auch alles weg, was uns zur Seite trieb. Nun sind wir alle wieder auf der einen großen deutschen Straße. Es ist der alte Weg, den schon das Nibelungenliedging, und Minnesang und Meistergesang, unsere Mystik und unser deutsches Barock, Klopstock und Herder, Goethe und Schiller, Kant und Fichte, Bach, Beethoven und Wagner. Dann aber hatten wir uns vergangen, auf manchem Pfad ins Verzwickte. Jetzt hat uns das große Schicksal wieder auf den rechten Weg gebracht. Das wollen wir uns aber verdienen.
Glückauf, lieb er Leutnant. Ich weiß, Sie sind froh. Sie fühlen das Glück, dabei zu sein. Es gibt kein größer es. Und das wollen wir uns jetzt merken für alle Zeit: Es gilt, dabei zu sei n. Und wollen dafür sorgen, dass wir hinfort immer etwas haben sollen, wobei man sein kann. Dann wären wir am Ziel des deutschen Wegs, und Minnesang und Meistersang, Herr Walther von der Vogelweide und Hans Sachs, Eckhart und Tauler, Mystik und Barock, Klopstock und Herder, Goethe und Schiller, Kant und Fichte, Beethoven und Wagner wären dann erfüllt. Und das hat unserem armen Geschlecht der große Gott beschert!
Nun müsst ihr aber doch bald in Warschau sein! Da gehen Sie nur gleich auf uns er Konsulat und fragen nach, ob der österreichischungarische Generalkonsul noch dort ist : Leopold Andrian. Das ist nun auch gerade zwanzig Jahre her, dass Andrian den „Garten der Erkenntnis“ schrieb, diese stärkste Verheißung. Er wird sie schon noch halten, mir ist nicht bang: ein Buch mit zwanzig, eins mit vierzig, eins mit sechzig Jahren, weiter nichts, in jedem aber volle zwanzig Jahre drin, dann wird er der Dichter der drei Bücher sein, das ist auch ganz genug. Und wenn ihr so vergnügt bei sammen seid, und während draußen die Trom